Aschenputtel's Sommersprossen

Meine Schreibblockade ist weg, die vertrauten Stimmen in meinem Kopf noch da. So wie meine unzählbar vielen Sommersprossen. Denen ist die Begrenzung auf 2500 Zeichen übrigens egal. Sie zieren meinen ganzen Körper, nur einige wenige Stellen sind sprossenfrei. Mein Gott, wie sehr ich mich in der Pubertät für sie geschämt habe! Sie wurden selbstverständlich auch versteckt, gemeinsam mit meinem Daumen, unter langen Hosen, Westen und Pullis. Bloß nicht auffallen, das war mein Motto. Der Sommer zählte eher nicht so zu meiner Lieblingsjahreszeit. Mit 17 lernte ich in einer Disko Matthias kennen. Wir unterhielten uns wunderbar und wurden richtig gute Freunde. Er hatte Sommersprossen. Überall am Körper. Er trug T-Shirts und im Sommer kurze Hosen. Das Licht auf der Tanzfläche ließ die vielen kleinen Pünktchen auf seiner hellen Haut besonders kräftig hervortreten. Aber das war ihm egal. Er war mutiger als ich. Irgendwann brach der Kontakt ab und ich konnte ihm leider nie sagen, wie dankbar ich ihm war. Dankbar für seinen Mut, seine Haut damals zu zeigen, wie sie eben war und ist. Denn, wenn wir ehrlich sind, so ist sie lediglich die äußere Hülle des Menschen, der in ihr steckt. Mut kannst du nicht kaufen - aber abschauen kannst du ihn dir, bei anderen, und vielleicht kurz mal ausborgen. Ich hab es gemacht. Und heute bin ich auch mutig. In meiner Haut steckt immerhin ein wunderbarer, einzigartiger Mensch, der sich zeigen möchte, der gesehen werden will - erst recht mit Sommersprossen.

Und die Geschichte mit dem Orthopäden? fragt eine meiner Stimmen. Darüber lache ich heute, irgendwie. Damals nicht. "Um Gottes Willen - die Füße passen ja gar nicht zum restlichen Körper!" Nun ja, er wollte vermutlich ein kleines Späßchen machen, der Herr vor mir, während er meine Füße für die Einlagen begutachtete. Zum Lachen war mir nicht. Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, fällt mir gleichzeitig das Märchen von Aschenputtel ein. Ach, wie einfach es für die Stiefschwestern war, ihre Füße passend zu "schnitzen", um den gefundenen Schuh anziehen zu können und den Prinzen zu bekommen. Wie sehr hatte ich mir immer gewünscht, das auch tun zu können. Also, das "passendschnitzen". Der Prinz war mir egal.

Letztendlich war ich dann zu feig dazu - die Füße blieben unpassend, die Zehen sind noch dran. Und sie haben zwischenzeitlich Besuch bekommen, Dauerbesuch: der Hallux hat es sich gemütlich gemacht.

So wie ich soeben, auf meiner Couch. Meine Füße schreien nach Liebe, nach meiner Liebe. Und ich folge ihrem Ruf.

© b_engerl