Nimmerland

"was haben wir in diesem Jahr getan?" - "nicht einmal die Hälfte von dem was wir uns vorgenommen haben."

es ist Ende Oktober, ein Samstagvormittag, in der WG, welche aus drei Sozialpädagogen und einer Sozialpädagogin, besteht.

da sitzen sie, zwei von den vieren, bei ihrem späten Morgenkaffee und reden - über einige der Internats- und Freundschaftsgeschichten, die schon hinter ihnen liegen, über das bald vergangene 2013 und über das Gefühl still zu stehen.

D. meint "als unser Zusammenwohnen, Alltag wurde, hat es begonnen, sich nicht mehr besonders anzufühlen."

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diese WG. es ist ein Ort vieler Freiheiten - vor allem wenn man sie mit anderen Sozialformen vergleicht.

hier schreit kein kleines Baby, du musst dich nicht viel rechtfertigen und nur selten fragt jemand nach, wann das nächste Mal geputzt wird.

hier wohnen vier Freunde ohne fixen Schlafengeh-Zeiten. vier Freunde die sich gegenseitig nur eine Sache versprochen haben: füreinander da zu sein.

ab und an finden in der Kulmgasse kleine Kunstprojekte - Bandproben, Konzerte, neue Skizzenbücher - statt.

es gibt: spontane und dann auch unendlich langes Kaffeetrinken im Innenhof oder auf den Stiegen vor der gegenüberliegenden Kirche. Besuche von neuen, doch meist altbekannten Gesichtern. verkaterte Video-Sonntage mit ein, zwei, drei Lieferungen des LieblingsChinaRestaurants - egal ob es draußen regnet oder die Sonne scheint.

es ist ein Alltag den nur vier Freunde, Mitte zwanzig, leben können, die sich schon zehn Jahre lang kennen und alle Single sind.

"weil die Alternativen momentan nicht besser erscheint, als das was wir hier haben."

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manchmal überkommt sie die Angst vor dem Bereuen, die Angst in ein paar Jahren aufzuwachen und dann zu erkennen, dass sie die Zeit hätte besser nützen sollen: mehr reisen, mehr auf andere Leute einlassen, mehr arbeiten oder zumindest: konsequenter Ziele verfolgen.

vielleicht ist es ja doch zu viel Boheme und zu wenig Vernunft?

aber was gibt dem Leben sonst Sinn, wenn nicht die Freunde, die man zur Familie erkoren hat?

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der Tag vergeht und am Abend machen sich drei von vieren am Weg zur Tankstelle. draußen nieselt es, die Lichter reflektieren in den Pfützen.

im kleinen Geschäft der Tankstelle bringen sie den Verkäufer zum Lachen: Zigaretten, Wein, Chips, Knoppers und Gummibärchen.

als die drei auf den Vordersitzen des großen Dienstautos sitzen und so durch die Stadt düsen, nimmt der Tag eine heitere Wendung. der Tag, der so kritisch begann, entpuppt sich zu einer Nacht, in der sie weniger zweifeln.

es wird philosophiert. über Pädagogik, Gruppendynamik, Österreich, Beziehungen. nach Mitternacht machen sie sich Brötchen mit Liptauer. D. spielt sein Computerspiel zu Ende. die anderen beiden sprechen mit dem fiktiven Haushund und kommen aus dem Lachen nicht mehr hinaus. es ist eine dieser Nächte in denen sie froh sind, unter sich zu sein.

und somit bleiben die vier, vorerst noch hier.

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