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Marmelade versus Nutella

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Marmelade versus Nutella | story.one

In den Sommerferien schickten mich meine Eltern öfters auf Ferienlager. Alleine wegzufahren und kleine Abenteuer zu erleben, fühlte sich sehr erwachsen an. Ich freute mich jedes Mal darauf und war definitiv ein Ferienlagerkind. Die Abschiede waren daher recht schmerzlos, ich kam ja wieder. Für meine Mutter war das nicht so, sie litt immer sehr unter den Trennungen.

Ich habe diese Zeiten meiner Kindheit als sehr sorglos und fröhlich in Erinnerung und bis heute schmeckt mir trockenes Brot mit Erdbeermarmelade und ungezuckerter, lauer Früchtetee nirgendwo besser, als damals in den Feriendörfern. So damals.

Nicht überrascht war ich, als meine Tochter mit 9 Jahren den Wunsch äußerste, gemeinsam mit einer Schulfreundin, auf Ferienlager fahren zu wollen. Einerseits hatte ich Bedenken, sie mochte ungern auswärts schlafen, anderseits freute ich mich, dass sie Abenteuerlust verspürte und versuchen wollte, ihre Flügel ohne Mama einmal auszubreiten. Diesem Wunsch zustimmend, erzählte ich ihr von meinen schönen Erfahrungen. Von den trockenen Marmeladebroten zum Frühstück, erzählte ich nicht. Sie war kein Fan von Marmelade. Sie war ein Nutellakind.

Der Abschied war für uns beide dann doch recht schwer. Nun war ich selbst Mama und konnte mich gut in die Situation meiner Mutter von damals rein fühlen. Zur Ablenkung hatte ich meine kinderlose Zeit gut verplant und ich freute mich auf die Treffen mit Freundinnen und auf Unternehmungen, ohne auf die Uhr sehen zu müssen. Die Wahrheit war, ich schaltete gedanklich nie ab, schaute ständig auf mein Handy, machte es mir zu Hause am Sofa alleine gemütlich und vertrödelte die Tage ohne Besonderheiten.

Am 5. Tag kam ein Anruf aus dem Ferienlager. Meine Tochter hätte großes Heimweh, ich soll sie aber nicht abholen, das würde schon wieder werden, so die Heimleitung. Mein Herz begann zu schmerzen. Ich telefonierte mit ihr und sie weinte ins Telefon. Ich machte ihr den Vorschlag, sie am nächsten Tag zu besuchen und wenn sie dann noch immer weg wolle, würden wir ihre Sachen packen und heimfahren.

Am nächsten Tag saß sie bereits wartend auf einem Stein, die Tasche stand gepackt neben ihr und sie war nicht bereit ein Gespräch zu führen. Sie setzte sich einfach ins Auto und schnallte sich an. Ich ließ das genauso geschehen. Diese Entschlusskraft kannte ich nur zu gut von mir.

Wir fuhren los und keiner sagte ein Wort. Irgendwann begann sie zu reden: "Danke Mami, dass du mich abgeholt hast. Ich weiß jetzt mit Sicherheit, dass ich kein Ferienlagerkind bin. Ich brauche mein zu Hause, mein Bett und mein Nutellabrot." Ich schmunzelte, irgendwie habe ich es mir genauso gedacht. Ich war stolz auf ihre frühe Selbstreflexion, auch hier erkannte ich mich stark wieder.

Kinder spiegeln die großartige Tatsache, dass wir in ihnen weiterleben. Dass sie gleichzeitig als eigene Wunder heranwachsen, macht die Welt und den Frühstückstisch bunter.

Bild: pixabay

© Barbara Fath 2020-07-21

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