Pausen

  • 114
Pausen | story.one

Pausen – man kann in dieses Wort viel hineininterpretieren, aber es bezeichnet immer einen Zustand zwischen zwei anderen Zuständen. Und diese anderen Zustände sind für mich derzeit Schmerzen. Die Pausen sind also positiv, Schmerzpausen. Sie haben für mich eine besondere Bedeutung, weil sie so selten sind. Sie beflügeln mich in meinem Tun, das ansonsten gelähmt ist von den Nicht-Pausen. Und sie erinnern mich daran, dass es das normale Leben auch noch gibt, in dem man nicht überlegen muss, auf welche Weise man von einem Bein auf das andere steigend oder den Kopf drehen soll, um nicht wieder Schmerzen auszulösen. Diesen wunderbaren Pausen verdanke ich, dass mir immer noch Geschichten einfallen, die ich erzählen möchte. Die Pausen lassen meine Worte regelrecht auf die Tastatur purzeln.

Wir haben ein ganzes Leben, wir haben viel Zeit. Die Art, wie wir diese Zeit verbringen, bestimmt dann, ob sie langsam oder schnell vergeht. Aber was ist der Motor, der unsere Zeit subjektiv langsam oder schnell vergehen lässt? Wann fragt man schon nach der Zeit, wenn man glücklich ist und einem die Zeit zu schnell vergeht? Oder wenn man unglücklich ist und dieser Zustand einfach nicht vergehen will, fragt man da nach dem imaginären Zeitpunkt, an dem alles besser wird? Fragt man erst dann nach der Zeit, wenn man keine hat? Oder kann man auch zu viel von ihr haben, etwa wenn man sich langweilt?

Das sind Fragen, die zu stellen für mich im Moment müßig ist. Fest steht nur, dass sie einem nicht die Möglichkeit gibt, zurückzugehen. „Was liegt, das pickt“, sagt der Kartenspieler. Also sollte der Genuss des Augenblicks immer vor allem anderen stehen. Denn der Augenblick davor ist vorbei und was der nächste bringen wird, ist fraglich.

Folglich genieße ich meine Pausen. Ich dehne sie gedanklich aus und hoffe, dass die einzelnen Pausen irgendwann miteinander verschmelzen werden. Ich gehe bewusst durch den Raum, betrachte meinen Sessel mit dem Tigermuster und den silbernen Tapeziernägeln bewusst und trinke auch meinen Cappuccino bewusst. Ich hole mich ins Hier und Jetzt, freue mich über den blauen Himmel mit den rosa Wölkchen, die den Abend ankündigen, höre den Vögeln zu, wie sie durcheinanderzwitschern, rieche die wunderbaren Rosen hinter meinem Haus mitten in der Stadt, spüre die immer noch warmen Balkonkacheln unter meinen Füßen und gestatte mir, mich frei zu fühlen von allen Entscheidungen, die mir im Nacken sitzen. Dieses bewusste Erleben ist ein erhabenes Gefühl, das mich leicht macht. So leicht, dass ich glaube, fliegen zu können, an all die wundervollen Orte, die als Reiseziele noch auf meiner To-do-Liste stehen. Solche Gedanken kommen mir nur in den Pausen. Genauso, wie die Bilder in meinem Kopf nur dann ihren Weg auf die Leinwand finden, wenn ich sie in einer Pause male.

So hat das Wort „Pause“ für mich eine völlig neue Bedeutung erhalten und ich liebe diesen Umstand. Ich liebe ihn so sehr, dass ich nach ihm süchtig werden könnte.

© Barbara Slamanig-Pfund 23.06.2019