Routine

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Routine | story.one

Ich kann es nicht fassen, dass ich folgende Geschichte ein paar Tage vor dem derzeitigen Stillstand der Welt geschrieben habe. Ich kann es nicht fassen, dass mir die Worte fast im Hals stecken geblieben sind, als ich die folgenden Worte formulierte. Mein damals so beklemmendes Gefühl wich einem anderen beklemmenden Gefühl.

Der Wecker läutet. Anna dreht sich noch dreimal um, doch der erbarmungslose Ton befördert sie letztendlich in den kalten Morgen. Sie duscht, putzt ihre Zähne, wäscht das Gesicht und trägt Make-up auf. Die morgendlichen Routinen funktionieren, ohne dass sie dabei in den Spiegel sehen muss, in ihre Augen. Der Lippenstift kommt erst nach dem Kaffee dran und die Wimperntusche in der Handtasche, wenn irgendeine Ampel rot ist.

Sie weckt die Kinder und geht nach unten in die Küche. Sie macht Jausenbrote und stellt den vollen Müllsack zur Wohnungstür, wie immer. Es dauert, bis ihre beiden Kids herunterkommen, an ihren Jausenboxen schnuppern und danach entscheiden, ob sie heute Jausenhunger haben werden oder nicht.

Anna lehnt an der Anrichte und versucht, munter auszusehen. Es kostet sie alle Mühe, denn der Gedanke an ihr kuscheliges Bett will nicht vergehen.

Für ein Frühstück hat keiner Zeit, die Zeit dafür ist im Bett liegengeblieben.

„Bitte nehmt den Müll mit“, ruft sie den Kids nach, als diese die Wohnung verlassen. Die verbale Reaktion ist gleich null, so wie immer, und wie Anna später feststellt, auch die tatsächliche Reaktion – ebenfalls wie immer. Daher muss sie zu ihrer Handtasche, ihrer Aktentasche und zwei zusätzlichen Taschen jetzt auch noch den Müllsack schleppen. Sie kocht vor Wut. Die Kids müssen über den Müllsack drüber gestiegen sein, ihn regelrecht zur Seite gestellt haben, um überhaupt die Tür öffnen zu können. Sie hört jetzt schon die Ausreden: „Haben wir vergessen“, „wir haben keine Zeit gehabt, sonst hätten wir den Bus versäumt“ – eine zum Himmel stinkende Ausrede, der Umweg zur Mülltonne bedeutet einen Zeitverlust von zwei Sekunden! Jeden Tag dasselbe.

Dann sitzt Anna im Auto, an einer Kreuzung, wie jeden Morgen. Viele Autos vor und hinter ihr, alles Routine. Und sie ist mittendrin. Mit einem Mal wird ihr diese ganze Routine so richtig bewusst – sie könnte sich ankotzen vor lauter Routine!

Hat sie heute aus dem Fenster gesehen? Wenn ja, dann hätte ihr Blick nur dem zu erwartenden Wetter gegolten zwecks Entscheidungsfindung für die heutige Garderobe. Sie hätte nicht gesehen, dass die Natur wahrscheinlich schon in den Startlöchern steht, bereit, demnächst loszulegen und den Frühling zu feiern. Wenn sie aufgrund ihrer Termine nicht wüsste, dass heute der 1. März ist, gesehen hätte sie es nicht.

Hat sie ihren Kids in die Augen geschaut? Sie hat ja nicht einmal sich selbst in die Augen geschaut!

Sie parkt am Straßenrand und schaltet den Motor aus. Aus. Aus und vorbei. So geht das nicht mehr weiter.

© Barbara Slamanig-Pfund 05.04.2020