Wie Libellen am See

Der Sommer ist da und ich fühle mich gut. Ich fühle mich im Sommer immer gut, weil ich ein Sommermensch bin. Es ist warm. Es ist auch am Abend warm. Ich kann barfuß, ohne lästiges Beiwerk wie Jacken auf meiner Dachterrasse sitzen und mir ist trotzdem warm (auch die Füße). Ich habe das Privileg dort zu wohnen, wo viele Menschen von weit herkommen, um Urlaub zu machen. Der Wörther See liegt ganz im Süden Österreichs und ist am frühen Morgen je nach Himmelsfarbe hell bis tief blau, glatt wie ein Spiegel. Nicht mal das Schilf bewegt sich - alles sieht noch ein wenig verschlafen aus, wartet darauf zum Sommerleben zu erwachen. Noch sind nicht einmal die Wasserskifahrer unterwegs. Die Radwege sind noch kaum frequentiert und der Weg zum See frei für Menschen wie mich.

Ich liebe genau diese Morgenstimmung. Ich wohne mitten in der Stadt am See. Das Beste daran ist, dass ich von meiner Haustüre entlang eines Wasserweges bis zum See auf autofreien Wegen fahren kann. Also schnalle ich meine Rollen an (ich liebe Roller Skates) und gleite los. Angekommen am See setze ich mich auf einen Stein am Ufer, streife meine Rollen ab und lass die Beine ins kühle Nass hängen. Es ist noch so ruhig, dass die Vögel sich am Ufer ein paar Tropfen des trinkbaren Sees zu sich zu nehmen trauen. Ich sehe Fische unter Wasser ohne die Verzerrung ihres Bildes durch die Wellen - der Himmel ist zartblau und lässt bereits darauf schließen, dass der Tag ein heißer wird - die Karawanken am Horizont recken sich ganz selbstverständlich nach oben, immer weiter bis sie fast am Himmel anstoßen - das Wasser um meine Füße ist ganz durchsichtig und samtig weich.

In der Mitte des Sees gleiten die Vierer mit Steuermann des alteingesessenen Rudervereins wie große Libellen vorbei, ziehen ihre Spuren im Wasser, nicht mal Ruderkommandos sind zu hören. Die Ruderer haben ohne Worte den gleichen Rhythmus - die Vögel zwitschern gerade so laut, dass ich sie hören kann - sonst hört man noch gar nichts - Stille genug, um vor sich hin zu summen - Raum genug für alle Gedanken, die da kommen und gehen - ein bisschen bleiben und wieder abtauchen - einfach Zeit und Stille zum ‚In sich hinein fühlen‘.

Es fühlt sich an wie ein Morgen am Meer, wie Augenblicke, in denen die Zeit stehen bleibt, Zeit allen Gedanken nachzugehen ohne Angst haben zu müssen, dass die Ruhe gleich vorbei ist, man die Gedanken stoppen muss. Man könnte sich fast einbilden, auch morgen fertig denken zu können, wenn man davon ausgeht, dass die Tage so prachtvoll bleiben - und davon möchte ich im Augenblick ausgehen. Die Sonne scheint mir auf die Haut, bis sie ganz warm ist - ich versuche die Wärme für den Winter zu speichern oder einfach für jene Augenblicke, wo mir Wärme fehlt, mir kalt ist bis auf die Knochen.

Also schau ich ins Wasser und warte darauf, dass die sanften Wellen der Ruderboote es bis ans Ufer zu mir schaffen, ich die Zeit habe, das einfach abzuwarten, es mir egal ist wie lange es dauert. Der See bringt mich in meine Mitte und da möchte ich auch bleiben.

© Barbara Slamanig-Pfund