1000 Kilometer

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Irgendwann erzähle ich Euch die ganze Geschichte, weil sie in meine Seele eingebrannt ist. Für immer. Heute ist hier zu wenig Raum, aber die Worte bedrängen mich. Sie wollen niedergeschrieben werden. Endlich.

Er ist geblieben, hier, in dieser Welt, in dieser Realität. In dieser Nacht geschah es. Das Wunder. Es war so knapp. Ich war da. Seine beiden Herzensmenschen waren da. Und er blieb. In dieser Nacht wurde mir klar, dass wir in Verbindung stehen, du und ich und er und wir alle, obwohl wir es kaum wahrnehmen und es uns nicht (mehr) bewusst ist. Wir sind eins.

Es lagen 1000 Kilometer zwischen uns. Gleichzeitig war da nichts, keine Distanz, keine Zeit, keine Grenzen. Und nein, ich hatte keinerlei Vorahnung was passieren würde.Nichts deutete darauf hin. Es war ein ganz normaler Abend, wir hatten ein lockeres Gespräch über Internet geplant. Zur abgemachten Uhrzeit loggte ich mich ein. Sogleich erschien das Symbol der Kamera, ich startete wie üblich und begrüßte meinen Bekannten. In dem Moment, als ich das flackern des Bildschirmes sah, war mir sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Ich war auf die Sekunde innerlich alarmiert, mein Herz klopfte, eine Hitzewelle durchströmte mich: die Bilder, die mir das Netz überlieferte waren eindeutig anders, als ich sie bisher erlebt hatte. Es schüttelte mich.

Ich fragte: "Was ist passiert, was ist mit Dir?" Es kam keine Antwort. Er hustete, atmete schwer, schien kraftlos. "Wo ist Deine Tochter? Lass mich mit ihr reden!" Ich rief: "Mädchen, wo bist Du?" Er stöhnte auf, griff sich an die Brust, hustete in ein Taschentuch. Augenblicklich und instinktiv erkannte ich, dass es sehr ernst war. "Mädchen!", rief ich seiner Tochter zu, sprich mit mir und höre mir zu!" Die Kleine war zu dem Zeitpunkt ungefähr vier Jahre alt, sie kam ganz nahe an den Bildschirm heran, ihre Augen zeigten sich weit aufgerissen und ängstlich, sie hielt ihre Lieblingsstoffpuppe krampfhaft umklammert. "Papa ist krank!", sagte sie mit weinerlicher Stimme. "Hör mal, Du Liebes", sagte ich zu ihr, so ruhig wie es mir möglich war, "schließe die Türe auf. Ich rufe Deinen Opa an, er wird zu Euch kommen und auf Papa und Dich schauen, gell!" "Jaaaa!", sagte sie und verschwand aus dem Bereich der Kamera. Ihm ging es gar nicht gut. Hustend, nach Atem ringend. Kaum ansprechbar.

Sofort nahm ich mit dem Vater des Burschen Kontakt auf, ich flehte ihn an, sich auf den Weg zu machen und die Rettung zu rufen. "Ja, ich schaue nach ihm, aber ich habe noch eine Stunde zu arbeiten und brauche 50 Minuten zu meinem Jungen!" Leichte Panik machte sich in mir breit, wie sollte ich 1000 km entfernt helfen? "Bitte, fahr los, er hustet Blut und wird bewusstlos!" Beruhigend sprach ich auf die Kleine ein und bat ihn, wach zu bleiben. Ich verlor das Zeitgefühl. Irgendwann war plötzlich der Bildschirm schwarz. Der Kontakt abgerissen. Nun konnte ich nur noch hoffen.

Mitten in der Nacht kam eine Nachricht: "Ein Wunder, er hatte einen Herzstillstand, er ist gerettet. Er lebt!"

© Barbara Prinz