1000 Namen

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1000 Namen | story.one

Ich war mit meiner Freundin I. am Bahnhof Liesing verabredet. Der Tag schien vielversprechend zu werden: Sonne und nur ein paar Wolken waren am Himmel zu sehen.

Mein Rucksack war gepackt: Proviant für den Ausflug, ein Getränk, eine Jacke und meine Kamera hatte ich dabei. Wir freuten uns auf den gemeinsamen Nachmittag. Als Ausgleich zum Dienst genoß ich diese kleinen Spaziergänge in die Umgebung. Ein Bekannter hatte mich auf eine App aufmerksam gemacht, mit der ich nahe Wanderwege ausfindig machen konnte. Diese Routen speicherte ich ab: Höhenmeter, Distanz und Wetterlage, sogar meine eigene Fitness konnte ich notieren. Die Natur war und ist pure Heilkraft für unsere gestressten Körper. Wir Frauen beobachteten beim Gehen den Waldboden, Äste knackten, Steine knirschten unter unseren Schuhen. Unsere Schritte wurden gedämpft.

Die Stille löste unsere Gedanken auf. Vögel zwitscherten, in der Nähe war ein gurgelndes Flüsschen zu hören. Bäume und Kräuter galt es zu entdecken, leider wussten wir noch zu wenig über die einzelnen Bedeutungen Bescheid. Die Pfade, die wir an diesem Tag gemeinsam liefen, versinnbildlichten unsere Lebenswege. Die Strecke wand sich durch das Grün, es ging bergauf und bergab. Wir flüsterten, um die Ruhe um uns nicht zu durchbrechen. Nach einigen Minuten schreckten wir ein scheues Reh auf. Es starrte uns völlig überrascht an, dann floh es in das Dickicht. Mittlerweile folgten wir dem Lauf des Baches. Wir suchten eine Stelle, um Rast zu machen. Libellen surrten um unsere Köpfe. Meine Freundin und ich entdeckten eine Lichtung und eine flache Stelle beim Fluss.

Ich hätte sie fast übersehen, die Brücke, die über und über mit Efeu bedeckt war. Ein Bild wie aus einem Märchen. Mich inspirierte dieser Moment und ich notierte: Ich bin die Brücke der 1000 Namen, erkenne die Spuren jener Menschen die Tag für Tag zu mir kamen, manche betraten mich zögernd, manche blieben steh’n. Fanden einen Wegbegleiter, um mit ihm weiter zu geh’n. Einige gelangten zur Mitte des Steges und tankten Kraft. Andere sagten:" Nur noch ein Stück, dann hab ich‘s geschafft!"

Ich war fasziniert von den Worten, die mir in den Sinn kamen: ich berührte das Holz. „Meine Freundin! Schau, hier ist es wunderschön!", rief ich mit Freude und Stolz. „Dort am Ende der Brücke, sind uns neue Chancen geschenkt, einiges wird bestimmt auch "von oben" gelenkt. 1000 Namen trägt die Brücke, es ist der Weg ins Nichts, lass uns frei sein, sie führt ins Licht.“

Meine Freundin zeigte sich berührt: " Schreiben ist Ausdruck Deiner Seele, lebe Dein Talent aus!"

"Ja, klar mache ich das!", grinste ich sie an, "die Erinnerung an „unsere“ Brücke werde ich als Widmung in DEINEM ganz persönlichen Buchexemplar festhalten“. Ich schubste meine liebe Freundin scherzhaft in die Seite und wir sprangen mutig in den eiskalten Bach. Vorbei war es mit der 1000 Brücken-Idylle. Wir genossen unsere gemeinsame Zeit, lachten und plantschten herum. Unser Nachmittag war so fein gewesen.

© Barbara Prinz