Bin im Dienst, Mensch!

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Bin im Dienst, Mensch! | story.one

Seit Tagen sind die öffentlichen Verkehrsmittel relativ leer und in eingeschränktem Betrieb unterwegs. Und ich bin mitten drin. Dankbar, dass mich der Busfahrer aufgabelt und nicht in der Kälte stehen lässt. Kaum Autos auf den Straßen. Wohin ich schaue, spazieren nur vereinzelt Menschen mit Partner, Kind oder Hund über die Wege. So werde ich es am späten Nachmittag auch halten. Der Hund läuft voraus, alle weichen aus. Hund als Schutzschild? Dabei hat er keinen Virus! Achtsam sind die Leute unterwegs. Es ist nahezu Stillstand eingekehrt. Besinnliche Frühlingszeit daheim in den eigenen vier Wänden, statt draußen im Freien? Dass die Kälte zurückgekommen ist, macht plötzlich niemandem etwas aus. Kein Jammern, kein Meckern. Man soll ohnehin im eigenen Domizil bleiben.

Vor meinem Dienst laufe ich direkt zum Covid-Test. Sicher ist sicher. Ich war im Ausland und arbeite im Krankenhaus. Ich schau auf mich und auf meine Mitmenschen. Die Warteschlange ist immens, aber es geht zügig voran. Nach einer Stunde bin ich an meinem Arbeitsplatz. Meine Patienten warten. Mit Mundschutz und Handschuhen läuft der Dienst regulär weiter. Es ist fast wie immer. Manchmal komme ich mir vor, als wäre ich in Watte gepackt. Die Geräusche sind gedämpft. Die Gespräche auf Eis gelegt. Knappe und sachliche Wortwechsel. Kein Kuschelkurs. Distanz wahren ist angesagt. Ich frage mich, wie es sein wird, wenn wir noch ein paar Wochen Abstand halten sollen.

Ich habe gerne die Hand gereicht zum Trost, auch eine feste, innige Umarmung geschenkt. Ich fühle mich nur „halb“. Rücken wir jetzt tatsächlich "näher" zusammen? Über Worldwideweb führen wir Gespräche. Wir versenden SMS. Unser "Social-Life" bleibt aufrecht. Die meisten Fotos, Videos und wichtigen Mitteilungen auf Facebook und Instagram werden meist direkt aus dem Wohnzimmer in die Welt gesendet. Das Leben läuft plötzlich großteils online. Bis auf die Berührungen von Partner/Kind/Haustier, leben wir sozusagen in Askese.

Ich bin überrascht, wie schnell Neuerungen wegen der Corona-Krise umgesetzt wurden. Die Menschen sind vernünftig und die Technik macht es möglich. Heute fragte ich mich:

Wann wird echte Nähe wieder erlaubt sein? Wann darf ich wieder nach Laune herzen und drücken? Hände schütteln? Obwohl ich gerne alleine arbeite und nicht am Kaffeetratsch teilnehme, spüre ich im Dienst zunehmend eine eigenartige Stimmung. Als ob ich mich durch eine Nebelwand taste, um zu einem Ausgang zu gelangen, so empfinde ich es.

Dort, wo reges Treiben herrschte, wo Ärzte zwischen den Räumen hin und her huschten, da, wo Patienten dem engagierten Personal erwartungsfrohe Blicke zuwarfen, hier, wo ein Kommen und Gehen war, ein Luftsog durch die Gänge tobte, ist Ruhe.

Mögen wir bald feiern, lachen, aufatmen. Nicht nur Küsse durch die Luft zuwerfen, sondern richtige Küsse verteilen, Lasst euch nicht entmutigen. Stellt Euch diesen Tag vor. Lasst Blumen regnen, für jene, die im Dienst sind. Bleib wohl, Mensch!

© Barbara Prinz