Das halbe Pferd

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Das halbe Pferd | story.one

Es brauchte einige Zeit, bis ich meinen Kindheitstraum endlich verwirklichten durfte: In meiner Jugendzeit hatte ich auf einer Sportwoche die Möglichkeit, mich mit Haflingerstuten vertraut zu machen und erste „wirkliche“ Reitversuche zu starten. Abgesehen von den Momenten, wenn ich auf Bauernhöfen oder Festivitäten Gelegenheit bekam, mich auf Ponys zu setzen, hatte ich großen Respekt vor Pferden.

Gleichzeitig zogen mich die schönen Tiere magisch an. Die Wärme, die Geschmeidigkeit der Bewegungen, die Sensibilität dieser Wesen faszinierten mich. Lebewesen, die Menschen auf ihren Rücken nahmen, bekamen bald meine ganze Aufmerksamkeit. Die weichen Nüstern, das Knabbern an der Hand, wenn ich den Pferden Äpfel oder Heu anbot, rührten etwas längst Verborgenes und Vergessenes in meinem Herzen.

Als ich meinen Mann kennen lernte, erzählte er mir von einem „halben Pferd“. Zuerst dachte ich an einen Scherz. Als sich unsere Freundschaft vertiefte, ich zu seiner Begleiterin wurde, erfuhr ich von "Caprice". Eine Bekannte meines Mannes, Eva, hatte jemanden gesucht, der sich mit ihr "Pflege und Training" von Caprice teilte. So kam der Deal zustande:"Caprice", die Stute, gehörte somit zur Hälfte "uns". Jeden 2. Wochentag, am Montag, Mittwoch und Freitag oder Dienstag und Donnerstag verstauten wir unsere gesamte Reitbekleidung in unserem kleinen Fiat Uno und fuhren aufs Land.

"Gut Ranzenbach" lag etwas ausserhalb von Wien und wir nutzten die Autofahrt zum Plaudern oder Pläne schmieden oder schwiegen auch einfach nur. Besonders die Fahrten durch winterliche Verhältnisse waren besonders und spannend. Schneebedeckte Bäume, Eiszapfen an Tannen, knirschendes Eis unter den Hufen, das hatte eine eigene Magie. Da ich damals noch wenig Erfahrung im Umgang mit "Pf-luft-is" hatte, so nannte mein Partner L. die Stute, statt "Pf-erde", standen mir wunderbare Schulpferde zur Verfügung.

Nach mehreren absolvierten Reitstunden wagte ich endlich meinen Mann zu fragen, ob ich auch einmal auf "Caprice" aufsitzen dürfe, um sie ein paar Runden im Viereck zu bewegen. Dieses besonders feinfühlige Wesen gab mir auch die Erlaubnis und meine Anspannung löste sich auf. Ich saß auf ihr, die Stute spürte meine Vorfreude, wohl, weil es ihr genau so erging. Es war ein bewegender Moment, sich voll Vertrauen von diesem edlen Tier tragen zu lassen. Im Einklang die Bewegungen, Schritt, Trab, Galopp, und wieder zurück vom Trab in den Schritt. Bis heute ist mir diese Präsenz des Pferdes völlig klar in Erinnerung.

Sie wusste, ich war weniger weit, als mein Mann. Sie wusste um mein Vertrauen. Und ich wusste ihre Weisheit zu schätzen. Es war erstaunlich. Dieses sonst sehr lebhafte Tier blieb unter mir ruhig und gelassen. Und als ich von ihrem Rücken sprang, erleichtert und glücklich, sie abklopfte, formten sich in mir Gedanken und Worte: "Danke, Caprice! Danke für dieses Geschenk! Es ist wahr: Alles Glück dieser Erde, liegt auf dem Rücken der Pferde!"

© Barbara Prinz