Das kleine Glück erkennen

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Das kleine Glück erkennen | story.one

Wir haben uns vor drei Jahren für einen Patensohn aus Kalkutta entschieden. Ganze 6800 Kilometer liegen zwischen uns. Und dennoch: Das kleine Glück ist erkennbar. Die Verbindung zwischen uns ist spürbar. Nähe geschieht beispielsweise über unsere Post. Zweimal im Jahr erhalten wir Post vom kleinen Ariyan, zweimal im Jahr mindestens schreibe ich einen Brief an ihn, den nun schon 9-jährigen Buben, und erzähle von uns. Ich zeichne selbst etwas Cooles oder kreiere am Ipad sportliches Briefpapier, weil es soviel Freude macht. Meist lege ich Sticker bei, mindestens aber ein paar Fotos von uns. Für diese Kinder ist die Post ganz wertvoll und wichtig. Zeichen der Verbundenheit. Auch über diese Distanz.

Wer die Organisation "ZUKI-Zukunft für Kinder" noch nicht kennt, darf sich gerne an mich wenden. Ich wollte vor Jahren schon lange ein Patenkind unterstützen. Wie es der Zufall so wollte, erfuhr ich von einer Freundin, die sich für die Organisation engagiert, dass wieder "neue Kinder" aufgenommen worden waren. Hellhörig wie ich war, fragte ich nach: Welche der Kleinen hatte das Glück, aufgenommen zu werden?

Es stehen nur eine bestimmte Anzahl an Heimplätzen zu Verfügung. Der Leiter der Organisation vor Ort, Xavier Raj Arul, entschloß sich zu folgender Vorgangsweise. Bedürftige Mütter, die ihre Kinder in das "ZUKI-Village" zur Betreuung geben wollen, können um einen Heimplatz ansuchen. Allerdings müssen diese Mütter zuerst auf die Behörde gehen, für das Kind eine Geburtsurkunde ausstellen lassen. Nur dann wird es vom offiziellen Indien anerkannt und hat später die Chance auf einen Pass. Mit der Urkunde beantragen die Mütter in den ZUKI-Heimen die Aufnahme. Sozialarbeiter überprüfen die Lebenssituation dieser Kinder und wählen dann mit dem Leiter Xavier die bedürftigsten aus.

Die Aufnahme ist ein Geschenk für die Kleinen, vor allem ein Segen für die verzweifelten Mütter. Mit den Beiträgen der Patenschaft werden Unterkunft, gute Ernährung, medizinische Versorgung, Kleidung, Schulbildung und Berufsausbildung ermöglicht. Bücher, Matratzen, notwendige elektrische Geräte werden angeschafft.

Die Kinder sind motiviert, lernen sehr gerne und fleißig Englisch. Sie üben Bengali, damit ihre Muttersprache nicht verloren geht. Die Noten können sich sehen lassen. Teilweise werden die Prüfungen der größeren Kinder an öffentlichen Schulen abgehalten. Das Niveau der Kinder ist beeindruckend. Bildung zählt, Bildung ist die einzige Chance, später einen guten Beruf zu finden. Die Kinder, die bereits zu Jugendlichen heranwuchsen, unterstützen ihre Familien bereits mit kleinen Jobs innerhalb des ZUKI-Village.

Mir ist bewußt, wir können nicht allen Notleidenden helfen, egal ob hier in Österreich oder in Indien. Wenn ich persönlich für einen einzelnen "kleinen" Menschen das Leben zum Positiven ändere, verändere ich bereits die Welt. Fangen wir klein an, erkennen wir das kleine Glück in den Augen eines Kindes.

© Barbara Prinz 15.01.2020