Rumps - Thumb up

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Rumps - Thumb up | story.one

“Rumps!“ Die Eingangstüre fiel ins Schloss.

Ich schrieb gerade Notizen meines Kurses zusammen und zuckte wegen des „Rumps“ zusammen. Meine Hand zuckte mit und zog eine Linie quer über den Block. „Kannst Du bitte endlich mal die Schnalle in die Hand nehmen!“, rief ich meinem Sohn nach. Ich konnte dieses „KRACHEN“ nicht leiden. Bis heute hatte ich mich nicht daran gewöhnt.

Damals war KEIN Laut zu hören. Zumindest fühlte es sich für mich so an, ich muss im Schock gewesen sein. Aber im Grunde ist es gut so. Man vergisst den Moment, blendet ihn aus. Es ist, als ob der Schmerz einen FI-Schutzschalter umlegt, um Dich vor dem folgenden, qualvollen Erlebnis zu bewahren: die Quelle des Empfindens wird blockiert und der Film läuft in Zeitlupe ab. Ich war im Volksschulalter. Es war meine intensivste Phase. Meine Lieblingslehrerin schrieb in mein Stammbuch: „Liebe Barbara, ich wünsche, dass der liebe Gott Dir nicht zu viele Nüsse zum KNACKEN gibt“.

Und wenn wir schon dabei sind, erzähle ich Euch den Zusammenhang zwischen Krachen und Knacken: Meine Schwester und ich tollten im Garten umher. Wir kletterten auf unserem Lieblingsbaum herum, wie Tarzan und Jane. Unser Meerschweinchen Maxi durfte sich den Bauch mit Gras und Klee vollschlagen, als Gehege hatten wir eine Art Hasengitter zusammengesteckt. Zwischendurch liefen wir um eine Erfrischung rauf in den ersten Stock zu unserer Mutter, die gerade bei Ihrer Näharbeit saß. Wie wir Kinder eben waren, musste dies schnell gehen: Stufen rauf rennen, ein Glas Wasser runtertrinken, Gluckgluck, fertig, während dem „in den Garten zurück laufen“, Mund abwischen.

Meine grosse Schwester war wie immer Erste. Und ich wie immer hinterher. Und dieses Mal ging “es“ sich zeitlich gesehen nicht aus: Das Durchschlüpfen, bevor die Tür ins Schloss fiel. Das war MEIN Moment! Ich hatte gedanklich bereits meine Schwester um eine Armlänge überholt. Nur, das Problem war: Mein rechter Daumen hing in der zukatapultierten Türe:

Der Schmerz fuhr mir vom Daumenglied in Nanosekunden bis zum Gehirn, gleichzeitig öffnete sich mein Mund zum Schrei und die Tränen schossen mir aus den Augen. Wie ich die Türe öffnen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel, vielleicht war es nicht ich, sondern mein Schutzengel Bruno. Ich sehe die nächste Filmsequenz glasklar vor mir: Als ich vor meiner Mutter stehe und ihr meine Hand vor ihre Augen halte. Zeitlupe läuft: das Nähzeug fällt Mama aus der Hand, sie erkennt, dass ich es bin, die blutet. Die Näharbeit ist nun ohnehin schon durchtränkt, also wickelt sie das frisch gestopfte Tuch gleich um meinen Finger, setzt mich auf ihr Rad, und strampelt so schnell wie möglich zu Dr. J. am Hauptplatz. Mindestens drei Tage blieb der Verband oben, mein Daumen auch. Thumb up! Das Pulsieren, der Schmerz, verebbte viel zu langsam. Der erste Verbandwechsel war nicht weniger dramatisch: Der Arzt riss am Verband und fast den Nagel runter. Ich überstand die Prozedur mit vielen Tränen. Mein Daumen auch, er ist heil.

© Barbara Prinz 22.09.2019