Das Lächeln in seinen Augen

Eines Tages brachte die Rettung einen Patienten einschließlich der Transportliege direkt in meinen Therapieraum. Mir blieb nicht lange Zeit vorzubereiten. Es hieß:"Akutpatient" soll so rasch wie möglich eingestellt werden, danach wird er in das Krankenhaus, in dem er stationär liegt, zurücktransferiert.

Mir stockte der Atem, als ich ihn sah. Er war jung, sein Gesicht blass. Er presste die Lippen zusammen und stöhnte leise vor sich hin. Immerhin schien er dank Schmerzmittel in einem halbwegs stabilen Zustand zu sein. Ich sammelte mich kurz. "Hallo, Herr Dr. W. und ich sind für Sie da, wir fangen gleich mit der Therapieeinstellung an. Haben Sie irgendwo Schmerzen? Zeigen Sie mir bitte, wo der größte Schmerzpunkt gerade ist. Wir werden Sie in einer Position behandeln, die sie gut ein paar Minuten aushalten!"

Der junge Mann öffnete die Augen, sein Blick wühlte mich auf: Er hatte sehr eindrückliche, dunkelbraune Augen. Tiefen Schatten darunter. Und dennoch: Ich sah das Funkeln darin, Lebenswillen, Vertrauen.

Jetzt, als ich den Momente schildere, bemerke ich, wie sehr mich die Erinnerung daran bewegt.

Die spezielle Form der Schmerztherapie hilft oft erst nach ein paar Tagen. In diesem besonderen Fall aber geschah eine fast augenblickliche Besserung. Er bedankte sich mit leiser Stimme für die rasche Behandlung, als Dr. W. und ich ihn über die weiteren Termine aufklärten.

Eine Woche verging. Und stets bemerkte ich die Dankbarkeit und Vorfreude des Burschen, denn die Therapie zeigte einen äußerst positiven Verlauf. Er veränderte sich. Er veränderte uns. Nicht nur mir war bewusst, dass wir es mit einem besonderen Patienten zu tun hatten. Ich meine, es war nicht wichtig, welchen Beruf er hatte, was er geleistet hatte. Es schien, als ob er durch seine reine Anwesenheit die Menschen in seinem Umfeld etwas Wichtiges lehrte: Demut.

Sein Gesicht strahlte jeden Tag mehr, seine Augen zeigten einen ganz aussergewöhnlichen Glanz. Ich sah tiefe Weisheit und inneres Wissen darin. Wir führten kurze, eher oberflächliche Gespräche, der Routinebetrieb ließ nicht mehr zu. Worte werden manchmal überbewertet. Es geht um das, was dazwischen liegt:

Gleiche Wellenlänge? Chemie? Magie? Wie nennt ihr das, was kaum greifbar im "Zwischenraum" schwebt, wie ein durchsichtiger Faden?

Dann war es soweit: Die letzte Behandlung stand an, das Abschlussgespräch mit dem Arzt und dann die Anmeldung für den Rücktransport auf seine Station:

Die Therapie griff, die Schmerzen waren um ein vielfaches zurückgegangen, die Schmerzmittel konnten reduziert werden. Der junge Mann war wacher, seine Stimme war kräftiger und seine Wangen hatten Farbe bekommen.

Abschied. Es war nicht leicht. Mir fiel ein, dass ich gar keine kleine Aufmerksamkeit bei mir hatte. Manchmal verschenkte ich eine selbst kreierte Postkarte oder einen kleinen Schreibblock.

Ich sagte "Bye" mit einem raschen Kuss auf die Wange und einem Händedruck. Sein Lächeln werde ich nie vergessen

© Barbara Prinz