Der Umfallerkuss

Drei Monate. Dreizehn Wochen. Einundneunzig Tage.

Die DREI war immer meine Glückszahl. Und sie blieb es glücklicherweise auch.

Wie es bei uns zu den drei Monaten Distanzfindung kam? Das ist weniger interessant.

Spannender zu beschreiben ist die Phase nach der Trennung, die unweigerlich einen wichtigen Entwicklungsabschnitt für uns Beteiligten nach sich zog:

Vom „ER" und "ICH" kam es zum "WIR".

Es waren Wochen der Erkenntnis. Tage des Lernens. Stunden der Innenschau:

Anfangs geschah folgendes: Ich schob den Gedanken an Trennung weit weg. Im "so tun als ob alles in Ordnung ist", war ich Meisterin. Dafür waren die Masken da, die ich mir im Laufe des Lebens als Selbstschutz aneignete. Ich wollte den Fragen entgehen, die unweigerlich auf mich eingeprasselt wären: "Erzähl schon, was ist los. Was ist passiert, warum, wieso und wie ... geht es weiter...?"

War ich alleine, in der sicheren Umgebung, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf. Der Aufenthalt im Bett unter der Bettdecke erleichterte mir, Emotionen wie "Wut" umzusetzen: Ich boxte in die Polster und verbrauchte haufenweise Taschentücher.

Da ich gut im Schreiben war, versuchte ich mich im Texten von Emails an meinen Trennungs-Partner. Ein Glück, dass ich die meisten Notizen sofort wieder löschte. Die Nachrichten, die ich dennoch versandte, dienten dem Verhandeln: Wir teilten unser Hab und Gut und versuchten, uns nicht über den Tisch zu ziehen. Fairness war unser oberstes Gebot. Manchmal war es trotzdem ein wenig unfair.

Die Phase des "tiefen Falls" habe ich verdrängt: zu traurig, zu elend, zu düster. In diesen Tagen existierte ich am Rande der Gesellschaft, funktionierte wie ein(e) Roboter(in).

Den normalen Alltag mehr oder weniger gut zu bewältigen genügte mir als Anforderung an mich selbst.

In diesen schweren Wochen überließ ich schlußendlich dem Herzen die Trauerarbeit, mein Kopf war in der Entwicklung schon weiter fortgeschritten und akzeptierte den aktuellen Zustand:

Schließlich sind Singles glücklich. Ich wurde im Netz fündig: Lesestoff zum Thema Trennung gibt es genug.

Das beste Heilmittel für mich war, mich meiner besten Freundin anzuvertrauen.

Heute bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich meine Familie von der Veränderung meiner Lebenssituation berichtete.

"Schreibe!", motivierte mich meine Freundin. Das tat richtig gut.

Ich schrieb mir die Seele frei und Gefühle auf ein Blatt Papier. Tränen verhinderten das Entziffern der Zeilen. Das war ohnehin besser so.

"Orientiere Dich neu!", war der Tip Nr. 3: Über einen Umweg fuhr ich zum Domizil meines Noch-Partners und holte ein paar Teile Geschirr zurück. Er wollte sich von diesen Erinnerungsstücken trennen. Wollte er. Es kam gar nicht so weit. Wir redeten. Klärten, bereinigten. Fanden zum WIR zurück.

Im Hochstimmungsrausch fielen wir miteinander um.

Knapp an einer Stufenkante vorbei, glücklicherweise.

So kam es zum "Umfallerkuss".

© Barbara Prinz