Die Bücherfrau

Manche meiner PatientInnen sind aufgeschlossen, manche eher zurückhaltend. Ich akzeptiere das.

Frau X. fiel mir gleich auf. Sie war eine zarte Person, schlank und gut gekleidet. Es war ihr wichtig, alles richtig zu machen, sie bewegte sich bedächtig und achtsam.

Wir begrüßten uns jeden Tag mit einem Lächeln, zuerst aus einiger Entfernung, wenn Sie im Warteraum von ihrer Zeitung aufblickte und in meine Richtung schaute.

„Oh, auch eine lesefreudige Dame“, dachte ich mir und ich überlegte, ob ich ihr ein Buch empfehlen könnte.

Aufruf an Frau X: Sie sah auf, lächelte zaghaft und nahm ihre Lesebrille ab.

„Heute geht es aber schnell“, meinte sie zu mir und griff nach ihrer Tasche, die auf den Knien lag.

Interessant finde ich, dass einem in gewisser Weise manche PatientInnen ans Herz wachsen, dafür sind nicht viele Worte nötig, das ist einfach so.

Meist saß die ältere Frau still im Warteraum, den Kopf über Lesestoff gebeugt. Sehr in das Geschehen der Geschichte von ihrem Buch vertieft, runzelte sie die Augenbrauen und ihr Lippen presste sie fest aufeinander. Sie wirkte angespannt. Ich war neugierig, war es ein historischer Roman oder ein Krimi?

In dem Moment, als ich einen anderen Patienten an ihr vorbei führte, der noch einen Transport benötigte, blickten wir uns kurz an und ich gab ihr durch ein Nicken zu verstehen, dass ich bereit war. Sie schien erleichtert zu sein, als ob sie dem aufregenden Kapitel entfliehen wollte, oder sie hatte noch einen anderen Termin wahrzunehmen.

Die Behandlungen von Frau X vergingen im Nu.

Tag für Tag saß sie völlig in sich gekehrt, leicht vornübergebeugt auf einem der Sessel im Wartebereich. Wollte sie vermeiden, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen?

Ich tippte auf ihre Sensibilität, da kann Lesen stützen und vor allem gedanklich positive Wunder bewirken.

Am letzten Tag fragte ich meine Bücherdame:

„Mir ist aufgefallen, Sie lesen viel, mögen Sie Bücher? Ich lese nämlich auch gerne, haben Sie Empfehlungen für mich?“

Und plötzlich kam eine Wandlung in diese stille Frau, sie setzte sich kerzengerade auf, strahlte über ihr ganzes Gesicht und platzte heraus:

„Ich liebe Bücher über alles, Sie sollten erst einmal meine Bibliothek zu Hause sehen, ach, was sage ich denn, wissen Sie, wie oft ich Lesungen besuche? Gestern war ich auf einer Buchpräsentation in der Innenstadt, herrlich, sage ich Ihnen, einfach genial war das!“

Ich war völlig überwältigt vom Redefluss dieser lieben Frau, ich setzte mich kurz neben Sie. Wir tauschten noch rasch zwei Buchempfehlungen aus. Und da ich zur der Zeit vor einem Jahr auch eine Buchlesung organisierte, lud ich sie kurzerhand ein.

Und diese Dame kam tatsächlich zur Lesung, sie lauschte der Stimme der Autorin und ging so still sie gekommen war auch wieder nach Hause.

Lange Zeit verging:

Und heute stand sie, meine Patientin plötzlich vor mir.

Überraschter hätte ich nicht sein können.

War es Gedankenübertragung oder Zufall, dass wir uns wieder begegneten?

© Barbara Prinz