Die Briefe

Unser Umzug stand an. Ehrlich gesagt graute mir davor.

Es galt, unseren ganzen Besitz in Kartons zu packen.

Vor allem die Möbel zu zerlegen und zu schleppen, das machte mir Gedanken, da ich dann wieder Kreuzschmerzen hatte.

"Denk nicht zu viel nach, Barbara!", meinte meine Kollegin, die von unserem Wohnungswechsel erfahren hatte. "Ich weiss, wie es ist, ich habe das gerade hinter mich gebracht, ich würde sagen, fange gleich heute an. Tag für Tag Eurem Ziel entgegen!"

Gesagt, getan. Ich nahm mir die weisen Worte meiner Freundin zu Herzen und begann zuerst alle Schubladen meiner Schränke durchzuschauen und zu sortieren. Das machte Sinn.

Allerdings realisierte ich, dass ich dafür ziemlich lange Zeit brauchte. Mein Blick fiel auf Rechnungen, Zeitungsausschnitte und Postkarten. Die Vergangenheit holte mich ein.

Am beeindruckendsten empfand ich die unzähligen, bunten Zeichnungen und Bastelarbeiten meiner Kinder, liebevollst gestaltet, gemalt, beschriftet und geklebt.

Eines Nachmittags sortierte ich unter anderem einige unserer Kisten, die im Keller lagerten. Ich durchforstete alle Kartons und wurde unverhofft fündig:

Ich fand ein Päckchen Briefe. Mitten im Chaos setzte ich mich auf den Boden, löste das Band, welches die Kuverts zusammenhielt, und begann zu lesen.

Es waren Briefe meiner Mutter an Marija.

Als ich ungefähr vier Jahre alt war, lernten meine Eltern eine junge Frau kennen, die an derselben Schule wie mein Vater als "Native Speaker" unterrichtete. Sie verbrachte einige Nachmittage mit unserer Familie. Wir wurden "Freunde für´ s Leben".

Ich denke gerne an diese Zeit. Sogar Fotos von uns im Garten stöberte ich auf.

Ein Bild ist mir sehr gut in Erinnerung: es zeigt meine Schwester und mich auf der Schaukel, mit "Tante" Marija in der Mitte.

Die liebe Frau reiste irgendwann in die USA zurück. Glücklicherweise blieb meine Mutter mit Marija in Kontakt.

Mit fünfzehn Jahren war es so weit: Ich reiste das erste Mal in die Vereinigte Staaten.

Meine Eltern erhofften sich davon, mir die Scheu vor der englischen Sprache zu nehmen. Und die Hoffnung erfüllte sich: Mein Englisch besserte sich. Allerdings hatte ich ziemlich Heimweh und konnte meine Schüchternheit nicht ganz ablegen. Marija´s drei Kinder waren wunderbar. Sie lenkten mich mit Spielen ab. Wir machten Ausflüge in die Umgebung. Wir hatten Spaß am Spielplatz.

Erst bei meinen Reisen zwei Jahre danach, zu "unserer" Familie aus Massachusetts, konnte ich mich ganz auf alle Eindrücke einlassen.

Ich öffnete mich und lernte viel Neues. Ich war begeistert!

Für mein Selbstbewusstsein waren die Aufenthalte "drüben"sehr wertvoll. Damals wurde der Grundstein für meine Liebe zu Amerika gelegt.

Noch heute - schon über vierzig Jahre - sind wir in engem E-Mail-Kontakt.

Obwohl mir im Keller wegen der Kälte fröstelte, wurde mir plötzlich ganz warm ums Herz. Die Sehnsucht kam wie eine Welle über mich.

"Bald!", flüsterte ich, "bald fliege ich wieder zu Euch, Marija!"

© Barbara Prinz