Über den Dächern von Wien

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Über den Dächern von Wien | story.one

Über Wiens Dächer schauen zu dürfen, das ist mein "kleines Glück". Einmal verabredete ich mich mit meinem Cousin Peter. Wir hatten beide Freude an der Fotografie und genossen bereits einige Fototouren miteinander. Auch ein Spaziergang am Donaukanal ist mir in Erinnerung, die bunten Graffiti luden zum Staunen ein. Der verhüllte Ringturm war auch ein Erlebnis für sich. Das Spazieren gehen wurde für uns das "Fotografieren stehen". Wir machten Scherze über uns. Wir bewegten uns so synchron, dass unsere Familienbande unverkennbar und eindeutig waren. Wir trafen uns bei einem bestimmten Treffpunkt, denn wir vereinbart hatten. Dann liefen wir los. Sozusagen den gesamten Ring entlang:

Wir imitierten Indianer, die auf der Jagd waren. Unbemerkt kreisten wir das Opfer langsam ein um dann zuzuschlagen. Das Opfer war in diesem Fall der Stephansdom, ich wollte nämlich unbedingt hoch hinauf. Wien von oben betrachten. Gesagt, getan: Peter und ich waren uns sofort einig: wir wollten mit reicher Beute heimkehren: In unserem Fall waren es Fotos.

Wir machten uns daran, den Südturm - auch „Steffl“ genannt, zu besteigen. Normalerweise habe ich keine Höhenangst, aber beim Aufstieg über 343 Stufen bekam ich schon einen leichten "ersten Drehwurm", einen Schwindelanfall. Vor allem das kurze Stück im "Freien"machte mir etwas "Herzklopfen der anderen Art". Wie es so war, vor meinem Lieblingscousin wollte ich meine starke Seite zeigen, also kam es nicht in Frage, schlapp zu machen: Endlich gelangten wir in die Türmerstube. Nun hieß es für mich: "Durchatmen". In Gedanken plante ich bereits mein Training für die folgenden Tage: Mein Körper war eindeutig nicht fit genug. Ich hatte zwar mein Ziel erreicht, aber das war keine Leistung, auf die ich stolz sein konnte. Immerhin versuchten Peter und ich einige schöne Wienfotos von hoch oben: 130 Meter Höhe und eine wunderbare Aussicht bis zum Horizont. Nach einigen Minuten hatten wir ungefähr jeweils 180 unterschiedlichste Blickwinkel, Perspektiven und Detailaufnahmen eingefangen. Es kam der Zeitpunkt, uns von der "guten Stube" zu verabschieden: Der Abstieg stand an: Ich war mutiger als mein Cousin, ich lief voran. In Wahrheit wollte ich einfach möglichst rasch wieder Boden unter meinen Füßen spüren.

Es war eine wahre Herausforderung: Einerseits die erwähnten 343 Stufen hinunter zu laufen und die zittrigen Knie zu ignorieren. Andererseits die Touristen - die sich in umgekehrter Richtung nach oben schraubten, an uns vorbei zu lassen. Mir war flau und schwindelig, dennoch wollte ich keinen Zwischenstopp einlegen. "Los, runter mit Dir!", ermahnte mich mein Gleichgewichtsorgan im Ohr. "Ja, ich bin gleich am Ziel, bitte Geduld!", flüsterte ich zurück. Mir war ganz und gar nicht gut. "Drehwurm der Zweite", hatte mich fest im Griff

Plötzlich stolperte ich durch eine Türe auf den großen Platz vor dem Stephansdom, gegenüber vom Blumenladen: Erleichtert winkte ich hinauf und rief: Ha! Geschafft!"

© Barbara Prinz