Ei-Salat

  • 125
Ei-Salat | story.one

Ich erinnere mich an ein lustiges Erlebnis zur Osterzeit. Ich besuchte damals die Volksschule in Bruck an der Leitha. Noch heute sehe ich all die Häuser und Geschäfte, an denen ich vorbei lief und ich denke an den stillgelegten Bahnübergang, nahe dem Lagerhaus, den ich täglich am Schulweg überquerte. Das Schulgebäude war ein größeres Stück von unserem Zuhause entfernt.

Am Liebsten ging ich in Begleitung meiner älteren Schwester mit der Schultasche am Rücken zum Unterricht, als sie in das Gymnasium wechselte, ging ich den Weg dann alleine. An einem schönen Frühlingstag freute ich mich schon auf das Läuten der Schulglocke. Endlich. Obwohl ich es eilig hatte, nach Hause zu kommen, wartete ich, bis der Großteil meiner Mitschüler die Klasse verlassen hatte. Zuerst zog ich meine Weste und Sandalen an, dann huschte ich blitzschnell ins Klassenzimmer zurück und holte meine Bastelarbeit, welche ich in meinem Tischfach verstaut hatte. Ich war so stolz auf mein Werk. Nachdem ich mich vom Direktor und Klassenvorstand verabschiedet hatte, ließ ich das Tor hinter mir und marschierte fröhlich heimwärts. „Mama! Schau!“, rief ich meiner Mutter schon von weitem zu. Die Küchenfenster waren offen, ich erkannte, dass meine Mutter beim Herd stand und mir zu winkte. Ich öffnete das Gartentor, dann durchschritt ich die Eingangstüre und stapfte die Treppe zur Terasse hoch.

„Mama! Schau! Ich habe heute fertig geb....!“, rief ich und stolperte in meinem Übereifer über die letzte Stufe. Dadurch, dass ich die Bastelei in meinen Händen trug, konnte ich mich nicht auffangen. Und so schlug ich völlig ungebremst auf dem harten Fliesenboden auf. Das folgende Geräusch ist mir noch heute in den Ohren. „Kracks, Knacks, Knirsch!“ Mir rieselte ein Schauer über meinen Körper. Und hielt erst die Luft an. „ Au, das tat höllisch weh, Schmerz lass nach!“, dachte ich. Ich wusste nicht, hatte ich mir gar einen Arm oder Bein gebrochen? „ Neiiiiiin!“, kam aus meinem Mund. Und der Schmerz an meinen Knien und Händen durchfuhr mich wie ein Blitz.

Da lag ich nun: verletzt und heulend, mitten in meiner vernichteten Bastelarbeit. Mein stundenlanger Einsatz umsonst. Ich hatte nach einer Vorlage ein Karton-Huhn ausgeschnittenen und bemalt. In der Mitte, beim Bauch, war Platz für ein ausgeblasenes Ei, ebenso für drei kunstvoll bemalte Eier darunter, welche wir verziert und mit einem Wollfaden aufgeknüpft hatten. „Verflixt, das gibt es nicht, jetzt hab ich nur noch einen Ei-Salat!“, schimpfte ich vor mich hin. Und hielt mir die aufgeschürften Knie.„Verdammter Ei-Salat! Ei-Salat!“, ich weinte bitterlich. Meine Mama kam mir zu Hilfe. Sie klaubte mich vom Boden und verarztete mich. Und kehrte die Eischalen auf.

Nachdem ich mich vom Schrecken erholt hatte, half mir meine Schwester mein Oster-Kunstwerk zu reparieren. Als ich mein Osterhuhn am Fenster aufgehängt hatte, war ich sehr stolz und glücklich. Mein „Ei-Salat“ blieb, dank meiner wütenden Wortkreation, unvergessen.

© Barbara Prinz 21.09.2019