Grammatiktäuschung

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Grammatiktäuschung | story.one

In den ersten Jahren der Volksschule schrieb ich mit Begeisterung die Hausaufgaben und malte mit Hingabe Wörter und Sätze in die Hefte. Von Beginn an versuchte ich es meinem Vorbild, meiner großen Schwester, gleich zu tun und lernte mit.

Die Freude daran legte sich aber schlagartig, als ich im letzten Grundschuljahr eine riesige Grammatiktabelle von der Schule mitbekam. Wir sollten die Zeitformen, Präpositionen mit Akkusativ, Dativ und Genitiv studieren, Verben und Steigerungen standen auch als Lernthema darauf. Dieses Plakat war größer als ich Selbst! So kam es mir jedenfalls vor. Um die Haltbarkeit dieser Grammatikübersicht zu gewährleisten, hatte meine Mutter die Idee, die Tabelle mit durchsichtiger Klebefolie zu überziehen. Ich erinnere mich sogar jetzt noch an den Geruch der Beschichtung. Eines war mir klar: Ich mochte lieber das "Halten" des Papierbogens, als das "Lernen".

Und dann geschah in dieser Zeit ein kleines Wunder: Meine Firmpatin und unsere Nachbarin überließ mir alte Micky Maus Hefte, die ihr Sohn ausgemustert hatte. So ein Geschenk war für mich etwas Aussergewöhnliches.

Meine Mutter war gegen diese Art von "Lesestoff". Sie war der Meinung, dass uns die Hefte nichts Vernünftiges beibringen konnten. Altersgerechte Bücher hatten wir jede Menge, und es war unserer Mama sehr wichtig, dass wir Kinder einander regelmäßig ein paar Seiten aus unserem Lieblingsbuch vortrugen. Meine Schwester mochte beispielsweise "Hanni und Nanni" als Lektüre. Ich liebte "Prinz Eisenherz". Der Termin zur Grammatikprüfung stand an. Es passte nicht in meinen Plan. Damals sass ich auf der Terrasse, in beiden Händen die riesige Papiertafel und die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Meine Laune sackte in den Keller. Mich interessierten die Comic-Hefte wesentlich mehr, also musste ich mir etwas Einfallen lassen: Klug, wie ich war, versuchte ich einen Trick. Ich legte das Micky Maus Heft mitten in die Tafel und täuschte vor, Grammatik-Formen zu lernen.

Ich beglückwünschte mich zur genialen Idee. Lernen war doch toll! Fast hatte ich alle Heftchen durch, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich nicht alleine war: Meine Mutter hatte mich wohl schon eine Weile beobachtet: Ihr Blick schien uns zu scannen: die Grammatiktafel und mich. Im gleichen Moment wurde mir klar, dass sie meine Täuschung durchschaut hatte. Während sie mich anlächelte, liefen bei mir bereits die Tränen. So sehr schämte ich mich. Das war das Ende meiner "Micky-Maus-Epoche". Die Heftchen verschwanden aus meinem Umfeld. Wenigstens durfte ich Prinz Eisenherz behalten.

Ich vertiefte mich schlussendlich in die Deutsche Sprache und absolvierte den Grammatiktest mit einer 1. Danach faltete ich die Papiertafel zusammen und verstaute diese in der untersten Lade meines Schreibtisches. Wenn ich meinen Kindern von meiner "Grammatiktäuschung“ erzähle, fange ich zu grinsen an und lache bis mir die Tränen kommen. Meine Ideen. Ich schlaues Kind!

© Barbara Prinz 22.09.2019