Kleber am Tisch

Erinnerungen, Bildfetzen, Wörter, Stimmungen, die hochkommen, einfach so, weil ich heute Kleber kaufte.

Jedes Jahr zu Schulbeginn räumt meine Tochter die Schultasche ein, die Bleistifte und Buntstifte werden gespitzt, die Checkliste wird abgehakt.

"Mama, wir brauchen noch neuen Kleber!", sagte sie, meine Tochter. Und während ich die Schubladen in der Küche durchschaue, kommen sie mir in den Sinn. Die Bilder, die ich am liebsten verscheuchen möchte, wie eine lästige Fliege, die am Obstteller nascht.

Damals, ich war wohl im gleichen Alter wie meine kleine Tochter, standen in unserem Kinderzimmer oben unter dem Dach zwei Schreibtische. Einer für meine Schwester, einer für mich. Sie waren ältere, ausrangierte Stücke, aber stabil, aus festem Holz, praktisch und gut.

Der Lack auf der Tischoberfläche blätterte schon ein wenig ab. Das machte mir aber nichts aus. In den unzähligen Laden hatte all das Platz, was ich zum Basteln und Kreativsein benötigte: Papier, Stifte, Karton, Scheren, Lineale und Schreibblöcke. Das Rascheln beim Umblättern des Zeichenblocks beispielsweise war Musik in meinen Ohren. Bastelvorlagen und Faltanleitungen liebte ich über alles, stundenlang beschäftigte ich mich nur mit Zeichnen und Malen. Manchmal war ich so im Tun versunken, dass ich es sogar überhörte, wenn mich meine Mutter zum Essen rief.

Eines Tages kam ich nach der Schule nach Hause.

"Hallo, Mama!", rief ich, "ich bin schon da!"

"Okay, komm mal nach oben!", rief sie vom Dachboden aus.

Mir blieben die weiteren Worte im Hals stecken, dabei wollte ich ihr vom Unterricht erzählen. Der Klang der Stimme war es. Ich wusste, irgendetwas war nicht in Ordnung. Mit zittrigen Händen stellte ich die Schultasche auf die unterste Stufe und wagte kaum, zu meiner Mutter hochzuschauen. Mir wurde übel, ich bekam Herzklopfen und weiche Knie. Stolpernd bewegte ich mich nach oben und erwartete das Unausweichliche.

"Schau Dir das an, der schöne Tisch!" Und bevor ich noch begreifen konnte, welche Sache meine Mutter so wütend gemacht hatte, spürte ich den Schlag. Ich taumelte und klammerte mich an das Geländer. "Aua, bitte, nein!", schrie ich verzweifelt, "ich hab nichts getan!". Die Wut meiner Mutter war zwar rasch verraucht, aber die Tränen hafteten noch eine Weile an mir.

Was hatte ich nur falsch gemacht?

Ich hatte den Uhu-Kleber nicht richtig zugeschraubt. So floß Kleber beständig aus der Tube, härtete über die Stunden aus und klebte sich unbarmherzig am Tisch fest.

Solange ich den Tisch benutzte, konnte ich die Kleber-Stelle erkennen. Glücklicherweise hatte ich Papier, um diesen Fleck zu überdecken.

Heute sind meine Mutter und ich versöhnt, die schwierigen Phasen von damals sind aufgearbeitet, miteinander, gemeinsam. Manchmal reissen Narben ein Stück auf. Sie heilen. Liebe heilt.

© Barbara Prinz