Lehrerkind

Meine Erinnerungen an meine Schulzeit sind vielfältig und bunt. Deshalb erlebe ich unterschiedlichste Gefühle, wenn ich an diese Jahre zurück blicke. Aber lasst mich ein bisschen davon erzählen:

Von der Volksschule an besuchte ich sehr gerne den Unterricht. Schreiben liebte ich, vor allem die "Zierzeile". Zeichnen war mein absolutes Lieblingsfach. Ich hatte annehmbare Noten, aber durch meine Schwerhörigkeit war die Schulzeit für mich als Kind nicht immer so lustig, wie ich es mir gewünscht hätte:

Es eröffneten sich mir zwei Möglichkeiten. Entweder trug ich ein Hörgerät, welches damals noch nicht so "klein" war wie heute (und das wollte ich um jeden Preis vermeiden, ich wollte nicht ausgelacht werden), oder ich setzte mich immer in die erste Reihe, möglichst nahe zum Lehrertisch und zur Schultafel.

Natürlich entschied ich mich für die zweite Variante: ich saß somit fast ständig in den vordersten Reihen. Fotos vom ersten Schultag bestätigen dies.

Später im Gymnasium hatte ich das seltene Glück, dass ich dieselbe Schule besuchte, an der auch mein Vater Latein und Geschichte unterrichtete. Nicht zu vergessen zu erwähnen, ich war ein Papa-Kind. Ihm schenkte ich volle Bewunderung.

Es war ein schönes Gefühl für mich, ihm bei der Pausenaufsicht zu begegnen. Meistens flüsterte ich ihm etwas zu, was mir gerade so in den Sinn kam oder mich beschäfigte. Wenn ich etwas Vergessen hatte, konnte ich mir von ihm schnell eine Entschuldigung schreiben lassen.

Die Tage, als er in "meiner" Klasse suplieren durfte, mochte ich sehr. Meinen Vater nicht nur zu Hause im Kreise unserer Familie, sondern auch als Lehrer zu erleben, das war für mich etwas Besonders. Mein Papa war bekannt und beliebt. Die Burschen und Mädchen hingen an seinen Lippen, ich auch. Er erzählte meistens spannende Geschichte aus der Römerzeit. Oder wir hörten eines seiner selbst erfundenen Hörspiele. Manchmal erfand er zur Abwechslung Rätsel, die er dann mit seiner schönen Handschrift mit viel Begeisterung auf die Tafel malte.

An eine peinliche Begebenheit erinnere ich mich auch noch: Wir hatten Mathematik Schularbeit und ich hatte fleißig geübt. Der Test war recht einfach und ich war überzeugt, mindestens ein "Gut" zu bekommen.

Und dann kam der Tag, als mich mein Vater in der Pause abpasste, bevor wir die Schularbeit zurück bekommen sollten. Er fragte: "Deine Arbeit wird nicht bewertet. Du hast einen Zettel mit den Formeln im Heft vergessen?" Ich erschrak, schämte mich sehr und vor Verlegenheit konnte ich kein Wort sprechen. Ich hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. So viele Stunden hatte ich geübt und er hatte alles nachgerechnet und überprüft. Eine Strafe gab es damals auch: ich musste meinem Vater einen Teil meines Taschengeldes als Wiedergutmachung abgeben.

Lehrerkind zu sein war kein Kinderspiel. Aber die wertvolle Papa-Zeit in der Schule werde ich niemals vergessen.

© Barbara Prinz