Mister Tom

Sofort nach Ankündigung des Arztes, dass Mr. Tom noch am selben Tag mit der Therapie beginnen solle, holte ich ihn in den Behandlungsraum. 
Seine Frau und seine Tochter waren auch mit. Deshalb bat ich die beiden Frauen am Gang Platz zu nehmen, bis die Therapie fertig war. Ich wollte mich danach mit Ihnen unterhalten. 
Ich schätzte den Patient damals nur ein wenig älter ein, als ich es war. 
Ein Blick in sein Gesicht zeigte mir, dass er müde war. Ich berührte seine Hand. „Mr. Tom, wir starten heute ihre Therapie.“ Mein Patient lächelte und zeigte sich bereit, die Therapie zu beginnen. 
Ich unterstützte beim T-shirt ausziehen und erkannte ein Tattoo am rechten Arm. Interessant... „... solche Symbole haben oft eine ganz besondere Bedeutung“, ob er mir davon erzählen würde? 
Als einige Minuten später alles erledigt war, schien Herr T. zufrieden und erleichtert zu sein.
 Als ich seine Familie in den Raum dazu hole, spürte ich Unsicherheit aber auch Vertrauen. Bevor ich nach unserem Gespräch die Tür hinter mir schloss, blickte ich zurück.
 Die Frauen hielten je eine Hand von Mr. Tom. Diese Familienbande waren besonders, das war deutlich zu sehen.

Täglich wurde mein Patient zur Behandlung gebracht, wir begrüßten uns und dann ging es in mein „buntes“ Zimmer. Ich nenne es so, weil die Wände Fotos zieren, die ich im Laufe der letzten Jahre geknipst hatte.

Tag für Tag verging, der Mann erzählte von seiner Dankbarkeit seiner Familie gegenüber, weil er sich wohl und getragen fühlte. 
Am vorletzten Tag erwähnte er, dass er mein Tattoo am Arm bemerkt habe, und seine Tochter hätte auch eines. Er schwärmte von einem bestimmten Tattoo-Studio. Ich nahm mir vor, mir dieses zu notieren.

Das letzte Treffen verlief ähnlich, wir verabschiedeten uns voneinander.

Mr. Tom rief mich zu sich. Ich fragte, ob er noch etwas brauche, und wo seine beiden Herzensdamen wären. Er lächelte breit und meinte, die beiden wären kurz an die frische Luft gegangen und kämen gleich.

„Hier, das ist die Karte vom Tattoo-Studio meiner Tochter, ich empfehle es gerne.“ “Danke!“, sagte ich, „ wie geht es mit Ihnen weiter?“

Herr Tom meinte: „Wir haben alles geregelt. Es ist für mich erleichternd zu wissen, dass meine Familie, wenn ich nicht mehr bin, weiß, was zu tun ist.“ „Und,“ sagte er „das Wichtigste ist die LIEBE, denn ohne LIEBE geht es nicht, Auf Wiedersehen!“ Mr. Tom zwinkerte mich an, er wandte seinen Kopf seiner Frau zu, die gerade hinzukam.

Wir Frauen gaben einander die Hand. Ich sah ihr in die Augen, und wir hatten in diesem Moment Gewissheit was kommen würde, dass es auch gleichzeitig für mich „Abschied nehmen“ von Mr. Tom bedeutete.

Die Geschichte setzte sich 5 Jahre später fort. Meine Freundin und ich besuchten nämlich dieses von Mr.Tom genannte Tattoostudio für unser Wunschsymbol. Zugegeben, es verwunderte mich nicht. Ich bin bis heute überzeugt davon, dass Mr. Tom geholfen hat.

Ich werde ihn niemals vergessen.

© Barbara Prinz