Mitten im Wandel

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Mitten im Wandel | story.one

Die Landung des Flugzeuges, welches mich vor einer Woche von Bristol nach Wien zurück brachte, war zielsicher und sanft zugleich. Genauso fühlte sich die Umarmung meines Mannes an, als er mich vom Flughafen abholte. Er schnappte zeitgleich meinen Koffer und mich und beförderte mich mit einer liebevoll-eleganten und schwungvollen Bewegung Richtung Ausgang. Dort, wo sich normalerweise unzählige Fluggäste und Reisende tummelten, wo man sich durchzwängen und durchschlängeln durfte, war viel Freiraum.

Augenblicklich katapultierte mich das Ankommen am späten Nachmittag - von der heilen Welt, mitten in der Natur im Süden Englands - direkt in den dicht bebauten Außenbezirk Wiens. Innerlich hatte ich mich darauf vorbereitet, um den Sprung von "hier nach dort" besser zu bewältigen. Ich war dennoch überrascht. In den Wochen und Tagen VOR meinem Urlaub erlebte ich den Schwerverkehr zur Stoßzeit dicht und beengend. Jetzt waren die Autobahnen und Straßen plötzlich frei. Könnte ich einen Hollywood-Film drehen, ohne ein riesiges Areal großräumig absperren zu lassen.

Seit ich vor über 20 Jahren in „mein“ Wien zog, empfand ich für das pulsierende Innenstadtleben tiefe Zuneigung. Jetzt in diese neue Stille einzutauchen, machte mein Herz butterweich. Wien im Wandel. Ein Genuss.

Koffer ausräumen und Wäsche erledigen. Insgesamt weniger Aufwand, als mein Ausbalancieren und Arrangieren mit den Einschränkungen und Veränderungen durch den Coronavirus.

Spannend wurde es am ersten Arbeitstag nach meinen freien Tagen zu Hause. Ich hätte mir nie gedacht, das große Allgemeine Krankenhaus, in das tagtäglich hunderte Patienten und Besucher pilgern, in dem tausende Mitarbeiter ihren Dienst am Menschen leisten, so leergefegt zu sehen. Wow. Die wenigen Patienten, die einen wichtigen Termin hatten, wurden gebeten, sich auszuweisen. Die Warteschlange an der Kontrolle wurde über Hinweistafeln gelenkt. Der Sicherheitsabstand wurde gewahrt. Die Stimmung war gedämpft, ich vernahm kein lautes Wort.

Obwohl ich wesentlich weniger Menschen begegnete als üblich, spürte ich, dass das große Gebäude mit mehr Leben gefüllt war, als je zuvor. Die Versorgung der Patienten war durch Ärzte, Schwestern und Assistenten gesichert. Jene arbeiteten unsichtbar im Hintergrund. DANKE! Es war mir, als würde der Leitsatz des AKH nun endlich zur Geltung kommen. "Der Mensch im Mittelpunkt".

Wenn sich Werte und Wichtigkeiten verschieben. So viele, kreative Menschen engagierten sich an diesem Ort, was würde geschehen, wenn nun all Talente und Fähigkeiten mehr Raum geschenkt bekämen? Wenn wir die Begabungen aller bündeln und wertschätzen würden?

Diese Vorstellung gab mir Hoffnung und eine neue Zufriedenheit machte sich in mir bemerkbar. Eine unglaubliche Kraft zeigte sich mir. Als Menschen mit Herzenswärme zusammenrücken und zusammenarbeiten, nicht nur jetzt in Krisenzeiten. Vom kranken Haus zum LEBENSHAUS. Wir sind da, mitten im Wandel.

© Barbara Prinz