Mrs. Bornholm

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Mrs. Bornholm | story.one

Ich habe ihren Namen vergessen, aber ich nenne sie in Gedanken Mrs. Bornholm:Es kam so: Irgendwann im Sommer... Die Therapie im AKH dauerte 2 Wochen, wir trafen uns somit täglich um 8:00 früh. Die Frau wurde von ihrer besten Freundin und Nachbarin mit dem Auto zur Therapie gefahren, erfuhr ich später.... sie verstanden sich gut, die beiden Frauen, sie plauderten so angeregt miteinander, dass sie mich kaum bemerkten. Ihre Köpfe steckten nahe beisammen und sie kicherten wie kleine Schulmädchen. Ich holte Frau Bornholm aus dem Warteraum, sie hängte sich bei mir ein und wir spazierten zum Therapieraum.

Die ältere Dame war zart, fast wirkte sie zerbrechlich, als sie sich in den für die Behandlung bereit gestellten Sessel setzte. „Haben Sie schon Urlaub geplant?“, fragte sie gerade heraus, als ich ein paar Einstellungen für sie fertig machte...

„Nein“, antwortete ich, „wir haben einen Garten und einen Pool, das genügt uns.“

„Ach, Sie müssen unbedingt nach Bornholm, kennen Sie Bornholm?“

Ich war verlegen, ich verneinte, denn ich hatte noch nie von diesem Ort gehört. Frau Bornholm schwärmte nicht nur von den Künstlern auf der Insel, sie erzählte von den gemeinsamen Stunden mit ihrem Mann. Augenblicklich veränderte sich ihr Gesicht. In ihren Augen blitzte es auf, ein Lächeln verjüngte das zarte, faltige Gesicht... als ob sie für diese paar Sekunden wieder auf der Insel war ....“Dort“, so erzählte sie, „hatte ich ihn ganz alleine für mich und die Kinder“... er war Geschäftsmann gewesen und dienstlich viel unterwegs Jedes Jahr flogen sie auf die Insel und fanden die Liebe wieder, die manchmal im Alltag auf der Strecke blieb. Und plötzlich zieht Frau Bornholm ein Büchlein aus ihrer Handtasche, die sie immer fest umklammerte und ich sehe ein Lesezeichen mitten im Buch stecken:„Hier, schauen sie“, sagte die Frau, „auf dieser weissen (Sitz-)Bank am Meer... mitten im Grünen...gleich neben den kleinen, feinen Ferienhäusern, dort saßen wir - Hand in Hand. Wir lauschten dem Meer...Dort machte er mir den Antrag, und schauen Sie, ich trage ihn seit diesem Tag! Den Ring von ihm. Ich habe ihn nie abgenommen, nicht mal, als er starb, mein Mann.“Frau Bornholm strahlt mich an...ihre Trauer ist dennoch spürbar - und dann sehe ich das nächste eindrückliche Bild: Frau Bornholm und ihr Mann lehnen Seite an Seite auf der Bank, er hält zärtlich ihre Hand und das Paar beobachtet die Wellen, die sich auf die Sonneninsel, kräuselnd und rutschend, zu bewegen.Und sie sieht mich an, diese ältere Frau, die von innen her etwas Besonderes ausstrahlt, ihr Blick ist weich und sanft, diese Klarheit in den Augen passt zu ihrer zierlichen Figur- und sie sagt:

“Fliegen Sie hin, besuchen Sie Bornholm...und unsere weisse Bank. Dann begegnen wir uns wieder, bestimmt.

Bis ich endlich die Reise nach Bornholm gebucht habe und hinfliege schicke ich dieser weisen Frau immer wieder ein herzliches „Danke“. Seit damals bin ich ihr und ihrer Freundin nicht mehr begegnet.

© Barbara Prinz