Notfallkoffer

Jahre später kommen oft Szenen hoch. Ich schließe die Augen, um die Erinnerungen auszublenden. Herr O. kommt wie üblich vor 9 Uhr, in Begleitung seiner Ehefrau, zur Therapie. Er wirkt unruhig und ist ziemlich blass. Ich erkundige mich nach seinem Befinden, er seufzt. „Es geht, ich bin müde, jedes Mal, wenn ich zu Ihnen komme, scheint es mir, ich gehe Schritt für Schritt langsamer. Herr O. zittert und er schwankt leicht. Ich mache mir Sorgen und beschließe, einen Doktor dazuzuholen.

„Möchten Sie heute besser mit der Bestrahlung pausieren?“, frage ich den älteren Mann. „Wissen Sie, Sie haben schon genug Dosis erhalten, wir könnten 1-2 Tage zuwarten, bis Sie sich besser fühlen, und dann die Therapie fortsetzen? Was meinen Sie dazu? Ich informiere ihren betreuenden Arzt, einen Moment, bitte!“, sage ich und wähle schon die Nummer des diensthabenden Arztes. „Herr Dr. A., ich habe hier gerade Herrn O. zur Therapie. Er braucht dringend ein Gespräch mit Ihnen, es geht ihm zunehmend schlechter. Atemnot, Schwächegefühl, ich setze den Patienten vor zu Ihrer Ambulanz, in Ordnung?“

Dr. A. ist einverstanden. Ich begleite den Patienten samt Gattin in den Wartebereich. „Dr. A. wird sich gleich um Sie kümmern, keine Sorge, es dauert nicht lange, er ruft sie in Kürze auf.“ Herr O. ist einverstanden, ich drücke ihm aufmunternd die Hand, nicke seiner Frau zu und mache mich daran, meinen Raum für einen andere Patienten vorzubereiten und weiterzuarbeiten. Ein paar meiner „Kunden“ warten schon auf mich.

Kaum 20 Minuten später höre ich einen Aufruf der Kollegen von der Leitstelle, dass in der Ambulanz SOFORT ein Arzt gebraucht wird. An der Stimme erfasse ich, dass Eile geboten ist. Da ich gerade mitten in einer Behandlung bin, arbeite ich weiter, beobachte meine eben anwesende Patientin. Ich bemerke Unruhe, hektische Schritte am Gang, aufgeregte Stimmen. Unsere Krankenschwester läuft mit dem riesigen, orangen Notfallkoffer in den angrenzend gelegenen Arztraum. Sie schaut mir kurz in die Augen und ich erkenne Bestürzung und Schock darin. Was ist nur geschehen, frage ich mich.

Immer noch bin ich abgelenkt und erst knapp 30 Minuten später kann ich nach meinem Patienten fragen. Nun erfahre ich das wahre Ausmaß des Geschehens in der nahegelegenen Ambulanz. Herr O. war vom Arzt zum Gespräch gebeten worden. Mitten im Gespräch kippte der Patient zur Seite. Die Ehefrau stand glücklicherweise nahe bei ihrem Mann und verhinderte einen Sturz vom Sessel. Es war sofort klar, etwas stimmte nicht. Ihr Mann war aschfahl im Gesicht, Schweissperlen liefen über Gesicht und Nacken. Das Ambulanzteam reagierte reagierte sofort und begann mit lebensrettenden Massnahmen. Ich konnte es nicht fassen. Gerade noch hatte ich mit Herrn O. gesprochen. Nun kämpfte er um sein Leben? Als ich seiner Ehefrau begegnete, waren wir beide nicht fähig, zu sprechen. Ihr Mann verstarb an diesem Tag. Wenn ich den Notfallkoffer sehe, bekomme ich Herzklopfen. Und ich denke an Herrn O.

© Barbara Prinz