„Rot-und-blau-Zeit“

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„Rot-und-blau-Zeit“ | story.one

Wir waren zu zweit: Meine Schwester und ich. Im Laufe unserer Kindheit bekamen wir öfters die gleichen Kleider, Röcke und Mäntel, wie Zwillinge. Ich mochte das. Wenn ich die Fotos von damals betrachte, kommt Wohlgefühl in mir auf. Freude. Es schaffte eine innige Verbindung. Sie und ich.

Süß sahen wir aus. Die „Kleine“ war ich, schließlich war ich knapp zwei Jahre jünger als meine große Schwester. Und wir waren ausgesprochen hübsche Kinder. Unsere Mutter verbrachte wohl Stunden in der Nähstube, ich war später nicht annähernd so talentiert.

Als wir aus den Kleidern raus wuchsen, kam eine spannende, neue Zeit. Ich nannte sie bis jetzt die „Rot und blau -Zeit“. Unsere Eltern kauften damals bei einem Großeinkauf alles ein, was wir dringend benötigten: Hauptsächlich Lebensmittel, auf Vorrat. Auch Süßigkeiten. Meine heiß geliebten Schnitten leuchteten in hellem ROSA aus den untiefen der Einkaufstaschen. Welch eine Freude! Das wollte unbedingt erwähnt sein. Stiefel, Westen und Hauben waren für meine Schwester und für mich auch dabei.

An jenem Tag, in diesem Moment, als wir die Jacken und Kopfbedeckungen erhielten, wurde mir deutlich bewusst, etwas ganz Entscheidendes veränderte sich zwischen uns: Meine Schwester bekam ihre Ausstattung in „Blau“, ich die Weste mit passendem Schal und Haube in roter Farbe. Bis heute trage ich - seit damals - äusserst ungern rot. Knallrot schon gar nicht. Eher noch weinrot. Und am liebsten mag ich heute, wie schon damals „blau“. Blau ist meine liebste Farbe bei Kleidung. Ich verknüpfe viele positiven Eigenschaften damit: sie ist Farbe des Horizonts, der Weite und der Unendlichkeit. Blau stellt für mich die Farbe des Vertrauens und der Verlässlichkeit dar, sie beruhigt und entspannt. Ich mag Shirts und Pullover, Jeans ohnehin, in unterschiedlichsten „Blautönen“ und Farbnuancen.

Die bedeutsame Farbe steht für mich ausserdem für das Unbewusste, für seelische Tiefe, für das Himmlische und Irdische. Interessanterweise konnte ich unlängst einen weiteren Bezug zu Blau herstellen: sie gilt auch als die Farbe der Schöpfung und Spiritualität. Die interessanteste Informationen zur Farbwahl fand ich in einem Buch: Blau war lange Zeit eine schwer zu beschaffende und daher auch eine sehr wertvolle Farbe gewesen: In der Malerei verwendeten die Künstler für blaue Flächen verschiedenste Pigmente. Das kostbarste Pigment ist das Ultramarinblau, das aus dem seltenen Edelstein Lapislazuli gewonnen wurde. Der Lapislazuli kam aus Persien, legte also einen sehr langen Weg zurück, bis er in Europa landete. Sein Preis war hoch. Die Künstler zerrieben und vermischten das Pulver mit Bindemittel zu Aquarell- und Ölfarbe.

Meine Schwester ließ sich vor Jahren zur Farb-und Stilberaterin ausbilden, vielleicht hatte sie einen ähnlichen “Rot-und Blau“- Konflikt wie ich? Gespannt bin ich, wenn sie diese Geschichte liest. Ich höre sie bereits sagen: „Weisst du, ich wollte nie blau tragen, sondern lieber rot!“

© Barbara Prinz