Tor in die ANDERSwelt

Ihre Karte mit dem TOR habe ich bis heute behalten.

Frau G. drückte mir die Postkarte an ihrem letzten Therapietag in die Hand: "Liebe Prinz-Essin! Ihre liebevolle Zuwendung in den heiligen Hallen hier hat es ermöglicht, dass ich die Zeit gut überstanden habe, welche ich hier verbringen durfte, um gesund zu sein. Ich BIN gesund. Ich glaube daran, eine warme Umarmung...."

"Prinz-Essin" nannte sie mich. Heute, viele Jahre danach, wage ich ihre Worte niederzuschreiben. Weil ich ihrem Wesen Raum schenken möchte. Weil ich sie von Herzen bewunderte. Für mich war sie ein wertvoller Mensch, wie Du und ich. Für mich bleibt sie in meinen Gedanken lebendig.

Als ich Frau G. erstmalig begegnete, kam ich in den abgedunkelten Therapieraum und assistierte meinem Kollegen. Wir gingen behutsam mit ihr um, sie hatte Schmerzen, bald war alles erledigt. Ich vermittelte ihr noch die wichtigsten Informationen, verwies sie an die behandelnde Ärztin und verabschiedete mich. Die kurze Begegnung, die beeindruckende Ausstrahlung der jungen Frau berührte mich sehr. Sie trug ihr Haar kurz. Diese Frisur schmeichelte ihrem Charisma. Ihre großen, dunklen Augen kamen besonders gut zur Geltung. Ein Blick, ein Nicken, eine Begrüßung, dies ließ mich eine besondere Tiefe und Weisheit erkennen. Ihre Sprache und Ausdrucksform begeisterte mich sofort. Frau G. drückte sich klar und präzise aus. Sie war sichtlich sehr gebildet und im gesellschaftlichen Leben fest integriert. In ihrer Kleidung zeigte sich Geschmack und Stil. Wegen der Kälte draußen trug sie wärmende Pullover und Strümpfe, auch Handwärmer in stimmigen Farben hatte sie mit.

Es waren viele Gesichter gewesen, die ich mir im Laufe meiner Arbeitsjahre nur vereinzelt merkte. Kennt ihr das aus Eurem Leben? Manche bleiben gespeichert, manche verflüchtigen sich wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.

Tage später stand die Frau überraschenderweise vor mir. "Frau Dr. D. schickt mich, ich bekomme hier bei Ihnen eine Therapie."

Ich bat sie kurz Platz zu nehmen. Mir fehlten Informationen, um vorzubereiten.

Die Einstellung selbst nahm kaum Zeit in Anspruch, es war auch keine große Sache Wir würden einander noch ein paar Mal begegnen.

"Erkennst Du die Patientin?", fragte mich eine Arbeitskollegin beiläufig in einem ruhigen Moment. "Nein, sollte ich?", war meine Antwort. Mir war nicht nach Reden, ich war müde und wollte mein Tagesprogramm abschließen.

Am nächsten Tag studierte Frau G an der Wand im Therapieraum eines meiner Fotos. Wir unterhielten uns, über ihren und meinen Beruf. Es kam, wie es kommen musste: Sie verknüpfte verloren geglaubte Bande zwischen ihrem jungen Kollegen und mir, der mein Verwandter war. Es war ein bedeutender, gehaltvoller Moment für mich. ihr war klar, dass sie mir half, einen fehlenden Puzzle-Stein in meinem Leben zu ergänzen.

Ich verlor sie an die ANDERSwelt. Gesund, ich glaube daran. In großer Dankbarkeit umarme ich sie. „Bis irgendwann, beim TOR“, flüstere ich.

© Barbara Prinz