Treffen am See

"Was kann ich tun, wenn eine schwere Diagnose gestellt wird?"

Trotz meiner Erfahrung im Krankenhaus wollte ich – um mich mehr einfühlen zu können, um besser zu begleiten und zu begreifen, im Internet Berichte lesen.

Ich wurde fündig:

Brigitte T, eine Schweizer Großmutter, schrieb über ihren geliebten Enkel Till.

Ich stellte mich in einer E-Mail Brigitte vor und fragte:

"Was ist das Wichtigste, wenn Familien mit Kindern eine Krebs Diagnose erhalten? Was braucht es in DEM Moment, wenn das Leben am seidenen Faden hängt? Wie ist es mir möglich, die richtigen Worte zu finden? Braucht es immer Worte?"

Die Antwort fand ich in Brigittes Buch “Sternenkind – wie Till seinen Himmel fand”.

Ich begriff, dass gemeinsam mehr bewegt werden konnte: Als Familie mit Freunden, als “Framilie”.

"Nur durch gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt war es möglich, diese Situation zu bewältigen.", schrieb die Großmutter.

Und vor allem trauerte jeder anders. Das Zulassen von Emotionen ist auch unterschiedlich. Als es der Familie den Boden unter den Füßen weg zog, war das Umgehen mit der Diagnose wichtig: Till war krank. Plötzlich und unerwartet. Hilfe anzunehmen wurde zur Überlebensstrategie. Brigittes Tochter und Tills Mutter schrieb damals Till-Mails an Verwandte und Freunde. Dieses tragende Netz zu spannen war ein dringend nötiger Halt.

Als Brigitte mit ihrem Mann Heiri in Österreich auf Urlaub war, trafen wir uns sozusagen genau in der Mitte: In Lienz. Und dort ist der wunderschöne Tristacher See: Der einzige Naturbadesee Osttirols.

Schon vor der Reise war ich aufgeregt. Das Till-Buch war mir eine enorme Hilfe gewesen. Dafür wollte ich mich bei Brigitte bedanken.

Bücher sind für mich wie Begegnungen im echten Leben. Bücher sprechen eine besondere Sprache. Nicht nur mit Buchstaben und Zahlen, Wörtern oder ganzen Sätzen. Diese Werke tragen alles in sich, gleich wie bei uns Menschen: Gefühle, Erlebnisse, Erkenntnisse und viele farbenfrohe Bilder.

Wir finden neben Licht auch Schatten, neben Liebe auch Leid, und neben Freude auch tiefste Verzweiflung. Bücher sind Botschafter zwischen mir und Dir.

Das Treffen in der schönen Stadt Lienz war für mich ein wunderbarer, bewegender Moment. Vor allem das Foto vom See steht für mich als Symbol unserer Freundschaft. Grenzen sprengend, Bewusstsein lehrend. Verbundenheit.

Im Sommer darauf besuchten wir Brigitte und ihren Mann Heiri. Es zog mich hin. Ein Foto vom "Gelbem Haus" war für mich wie ein Weckruf.

Ich hatte Jahre zuvor von diesem besonderen Haus geträumt: Gelb und grüne Fensterläden mitten im Grünen umringt von Bergen und einem Flüsschen.

Die Tage waren geprägt von Offenheit und Herzensumarmungen, die Türen standen weit offen und sogar die Kinder hatten viel Freude und Spaß.

Mein Wunsch ist es, Verständnis zu fördern.

Wertschätzung dem Leben gegenüber zu zeigen.

Dankbarkeit zu vermitteln.

Geschichten über das Hier und Dort, über das Heute und Morgen.

Lasst solche Begegnungen zu.

© Barbara Prinz