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Tschüss, Mama

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Tschüss, Mama | story.one

Fast hat sie mich eingeholt. Kaum 13 und annähernd so groß wie ich. Auf dem Weg zum Erwachsen werden. Jeden Tag gehen wir ein Stück gemeinsam. Bei der Haustüre hinaus, an der Bahnlinie entlang bis zur Brücke. Manchmal Arm in Arm eingehängt, manchmal nebeneinander. In unserer Verbundenheit brauchen wir frühmorgens kaum Worte.

Als wir die Stufen zur Bahnüberführung hoch steigen, sehe ich plötzlich eine riesige 23 vor uns. Die Ziffern hat jemand mit Sprühfarbe mitten auf der Brücke notiert. Meine Tochter grinst mich an. Wortlos. Ich nicke. Mittlerweile weiß sie um die Bedeutung solcher Zahlen. “Ja! Unsere Intuition und unser Gespür schenken uns Energie! Solche Begabung, Zahlen zu übersetzen, ist sehr wertvoll!“

Am Ende der Überführung verabschiede ich mich von meiner Tochter, unsere Wege trennen sich. „Tschüss, Mama!“, sagt sie, meine große Kleine!, als sie zurück blickt. Ihre Augen glänzen, sie schickt mir einen Kuss. Mich berührt dieses Erleben. Als sie sich abwenden mag, erkenne ich Überraschung in ihrem Gesicht.

„Schau!“, flüstert sie, ich folge ihrem Blick und entdecke eine wunderschön gelb-orange Sonne, die kräftig durch den kalten Morgenreif strahlt. „Wow!“ Wir sind mitten auf der Brücke. Meine Tochter und ich. Eine S-Bahn fährt quietschend unter uns durch. Wir realisieren es kaum.

Für diesen einen besonderen Moment steht die Zeit still. „Tschüss, Mama!“ „Tschüss, bis später! Hab Dich lieb! Viel Glück bei der Schularbeit heute!“ Ich bin dankbar für die Verbundenheit. Und ich bin dankbar für die Wunder, denen wir täglich begegnen dürfen. Gemeinsam. Mir kommt die Symbolik der Brücke in den Sinn. Die Brücke steht für mich für “Entwicklung“. Im Hinblick auf meine Begleitung meiner Tochter bezeichnet es auch das „Loslassen“ auf diesem Weg. “Beginn und Ende“ oder „Ende und Neubeginn“. Wie es eben stimmig ist. Ich erkenne auch die Bedeutung: „Übergang vom Heute ins Morgen“. Oder vom „Diesseits ins Jenseits“, vom „Irdischen zum Himmlischen“.

„Tschüss!“, flüstere ich gedankenversunken und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Seit sehr vielen Jahren fahre ich zum AKH. Mein Dienst ruft. Ich gehe auch hier über eine Überführung. Ich bleibe kurz stehen und überblicke das Gelände. Auch hier strahlt mir die Wintersonne entgegen.

„Danke für die Symbolkraft!“, denke ich und genieße eine Sekunde Freude in mir.

© Barbara Prinz 13.12.2019

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