Wi(e)n(t)erkind

  • 147
Wi(e)n(t)erkind | story.one

...„ und wenn Du loslässt, zack, geht es ganz leicht...“. Es ist wahr.

Mein Partner war im Winter vor einigen Jahren nicht voll ausgelastet. Er wollte etwas Sinnvolles tun und ein bisschen dazu verdienen. Durch Zufall fand er einen passenden Nebenjob: Er fuhr Gäste von Hotels zu diversen Veranstaltungen oder zum Flughafen. Seine “Ring-Route“ war spektakulär und wurde gerne gebucht. Mein Mann hat Begabungen, die ihm in diesem Job zugute kamen: Gäste unterhalten, informieren, von einem Ort zum anderen führen. Die Sonntage waren somit fix verplant. Und ich? Für mich öffneten sich neue Möglichkeiten. Ich war begeistert.

Frühschicht am Sonntag? Winterliche Verhältnisse? Kein Problem! Während meine Kinder bis mittags ausschliefen, genoß ich Spaziergänge in der Wiener Innenstadt. Ich wurde zum "Winterkind". Oder sage ich besser "Wienerkind"?

Manchmal begann mein Herzensmann bereits um vier oder fünf Uhr früh zu arbeiten. Mir machte das nichts aus: ich bereitete das Frühstück zu, wir genossen schweigend. Am Morgen bedarf es keiner Worte. Ich packte mich warm ein und schnappte meine Fotoausrüstung: Kennt ihr das Michelin-Männchen? So sah ich aus: Ich trug zwei Paar Winterhosen, drei Paar Socken, Shirt, Pullover, Weste mit Jacke kombiniert. Es war kalt, Temperaturen um 0 bis 5 Grad. Meine Finger froren, aber es störte mich nicht: ich erlebte Wien am Morgen. Das Aufwachen dieser Großstadt zu erleben geht mitten ins Herz. Ich durchwanderte die Innenstadt und erkundete Gassen, Straßen und Plätze. Mit dem Sonnenaufgang den Puls der Stadt spüren. Das Öffnen der Cafés fotografisch festzuhalten, ein großartiges Gefühl. Einkaufsmeilen ohne Touristen zu durchschreiten, eine be-reich-ernde Erfahrung.

Wien ist besonders. Wien wuchs mir ans Herz. Ich besuchte Innenstadt-Hotels, gönnte mir hie und da einen heissen Tee und wärmte mich auf. Die Kamera hielt den Temperaturen stand. Und jedes Bild, welches ich damals fand, unzählige Fotos erzählen heute ganze Geschichten. Unzertrennlich mit den morgendlichen Spaziergängen verbunden.

Meist begann ich meine Foto-Routen im Stadtpark am Ring. Ich beobachtete die Enten und Möwen, ich erlebte den Übergang vom Winter in den Frühling hautnah mit. Sonntags, fast ohne Menschen, mitten in Wien. Vom Winterkind zum Wienerkind. Einfach so. Wien hat viel zu bieten. Erst zu Fuß erkannte ich die wahre Schönheit unserer Stadt. Wien ist ein Geschenk. Beeindruckende Architektur gepaart mit Arten-und Farbenvielfalt. Menschen und Tiere bewusster wahrnehmen: (M)ein Gewinn. Noch heute bin ich unendlich dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Zu fotografieren öffnet deine Seele. „Mit meinen Augen“, nannte ich meine Bilder. Sie veränderten mich. Dich auch?

Anfangs war mir nicht klar gewesen, wie ich die „gewonnene“ Sonntag-Zeit nutzen würde. Aus einer Idee wurde Freude. Und aus Freude wurde Lernen. Ich durfte wertvolle Menschen kennen lernen und Wissen sammeln. Und Wienliebe.

© Barbara Prinz 21.09.2019