Kraftschub

Irgendwann am Beginn unserer Beziehung fragte mich mein Freund und späterer Partner, ob ich mir vorstellen könnte, mit einem Mountainbike oder Rennrad zu fahren und zu trainieren.

Meine Antwort kam prompt: „Ich möchte lieber schnell fahren, auf Straßen, auf Asphalt, bitte!“ Ein Mountainbike kam für mich nicht in Frage. Ich hatte keine Motivation über Waldwege und durch Matsch zu kurven.

Wochen vergingen.

Ich war am Heimweg vom Dienst. Mein Freund kam mir entgegen und schob mit einer Hand ein Fahrrad. Als er mich bemerkte, zogen sich seine Mundwinkel nach oben.

„Hi, bist früher dran heute?“, sagte er. „Gut, wenn Du schon da bist, setz Dich gleich mal drauf!“, meinte er und sah mich erwartungsvoll an.

Ich war vor Überraschung und Freude überwältigt.

“Ich weiss, Du hast noch nicht Geburtstag, aber ich möchte das tolle Wetter ausnutzen und mit Dir ausfahren“, grinste er mich an.

Also probierte ich. Das dunkellila Bianchi hatte die perfekte Geometrie für mich, es war wundervoll. Edel. Neu. Besonders.

Im Laufe der nächsten Tage kauften wir noch passende Radschuhe und Trainingsgewand.

Mitten im Wohnzimmer startete ich den ersten Versuch mit den Klick-Pedalen. Kennt ihr diese Vorrichtung? Ich kannte das System nicht und war neugierig, wie ich damit zurecht kommen würde:

Diesen Moment hätte ich filmen sollen: Ich wackelte, kam aus der Balance und mit beiden Beinen nicht rechtzeitig aus der Fixierung. Weder konnte ich mich befreien, noch festhalten und fiel zu Boden. Gottseidank hatten wir einen Teppichbelag, der den Sturz abfederte. So machten die Radtouren großen Spaß.

Wir startete an Marathons. Eine grossartige Erfahrung.

Ein besonderer Moment ist mir in Erinnerung:

Ich lernte in meiner Kraft zu bleiben.

Es waren 142 km angekündigt.

Schönwetter und blauer Himmel versprachen uns Teilnehmern eine gute Tour. Wir wussten, die Strecke war gut zu bewältigen, die Verpflegung ausserdem wie immer gut organisiert.

Es war warm und es wurde wärmer. Genauer gesagt, war es mittags richtig heiss. Bei Kilometer 100 hatte ich einen schwachen Moment. Ich schwitzte, keuchte, hatte Durst, ich wollte vom Rad steigen und mich im Schatten ausruhen.

“Fahr weiter! Schau, nach dem Schöpfl gehts bergab, das schaffst Du!“, machte mir mein Begleiter Mut.

Ich jammerte vor mich hin, er hatte recht, wenn ich schon jetzt Pause machte, würde es schwerer sein, weiter zu treten. Die Pedale knackten, ich richtete mich auf, biss die Zähne zusammen und kämpfte mich Meter für Meter dem Gipfel entgegen.

Mit Banane, Müsliriegel und viel Wasser erreichten wir bald die 135 km Marke. Ich war ziemlich müde und erschöpft. Die Beine machten noch ganz gut mit. Das Brennen der Muskeln ignorierte ich.

Nur noch 7 Kilometer! Aus mir kam ein Kraftschub, der sogar meinen Freund überraschte.

Jetzt kam Leben in „unsere“ Gruppe, ich setzte mich an die Spitze und führte an.

Das Gefühl war unglaublich. Es war ein Topsprint ins Ziel.

Geschafft! Ich war sehr stolz und glücklich.

© Barbara Prinz