Zuhause

Es ist mein Zuhause. Ich kenne die genaue Anzahl der Schritte, die ich von der Schnellbahn bis vor unsere Haustür brauche. Ich erinnere mich an unsere Nachbarin, die meiner Mutter mit stiller Grazie eine Rose aus ihrem Garten schenkt. Ich hab den süßen, schweren Duft des Flieders in der Nase und höre noch das quietschende Geräusch meiner Schaukel im Wind. Ich weiß um das Schicksal der Bewohner, das teilweise seltsam verwoben mit dem meinen ist. Es ist mein Zuhause.

Wir waren in die kleine Reihenhaussiedlung Anfang der 70er Jahre eingezogen.

Vor dem Haus unserer Nachbarn stand ein VW Bus bemalt mit einem Peacezeichen. Hier wohnten Journalisten, Maler und Musiker. Die Siedlung hatte keine Zäune, so war sie geplant worden. Zuerst waren die Zäune nur hüfthoch, kunstvoll schmiedeeisern. Sie wuchsen jedoch schneller als der Kirschbaum in unserem Garten. Heute stehe ich vor meterhohen Bretterzäunen, die teilweise mit Stacheldraht gesichert sind. "Na, da kann es ja nicht weit her sein, mit der guten Nachbarschaft", denke ich wehmütig.

"Gut, dass du da bist, mein Mädel. Bring mich gleich ins Krankenhaus. Der Astrid, unserer Nachbarin geht es nicht so gut, und heute bin ich an der Reihe." Aufgeregt schildert meine Mutter was passiert war. Mitten in der Nacht stand unsere Nachbarin schmerzgekrümmt vor unserer Tür,. "Aber da ist mir Gott sei Dank eingefallen, das Frau Hofer vom Haus 21 Krankenschwester ist, und gemeinsam haben wir dann die Rettung gerufen. " Ich kann die beiden älteren Damen in ihren Nachthemden direkt vor mir sehen, wie sie gütigen Geistern gleich, auf die Sanitäter warten. Mittlerweile war von Herrn Sirbu, Haus 16, ("Du weißt doch, der , der immer so pingelig mit seinem Garten ist. Mit der Nagelschere schneidet er seinen Rasen.") ein richtiger Besuchsdienst eingerichtet worden. Frau Kerndler, Haus 24 hatte ihren Apfelkuchen gebacken ("Nein, das Rezept rückt sie nicht raus, obwohl ich hab ihr das Rezept von meinem Kirschstrudel gegeben.") , den meine Mutter umsichtig auf ihren Knien balancierte. Herr Stein, Haus 1, hatte es übernommen, die Kinder in Kanada zu verständigen. Er hatte Internet und konnte englisch. Frau Janosch, Haus 12, nahm die Katzen in Pflege ("Da ist sie nicht so alleine, seit ihr Mann gestorben ist, ist sie immer so traurig"). Herr Schneider, Haus 14 kümmerte sich um die Rosen. ("Wenn er auch sonst zu nix taugt, und seiner Frau nur Sorgen macht, die Rosen pflegt er, als ob es seine Kinder wären.")

Europa ist unser Zuhause. Wir sind miteinander aufgewachsen. Wir kennen uns, sind uns so nahe, näher als wir glauben, sind miteinander verwoben. Und eines ist ganz sicher, die Probleme unserer Zeit kann kein Land alleine lösen, wir brauchen einander, auch wenn Frau Kerndler, ihr Rezept für den fantastischen Apfelkuchen einfach nicht rausrücken will und Herr Sirbu wirklich echt zwanghaft ist.

© Barbara Schuch