Gespräch mit Schulfreundin #1

Und überhaupt: Diese Dellen, Margot, diese Dellen an den Oberschenkeln bekommt jeder. Oder jede. Manche schon mit 21 oder 23. Ich habe das letztes Jahr selbst gesehen, am Strand von Jesolo, oder war es Lignano? Egal. Was ich damit sagen will: Für knapp 40 schaust du eh super aus.

Danke, Philipp! Günther sagt das auch immer zu mir. Und dann denke ich wieder: Warum sagt er das? Warum betont er das "eh"? Und 40? In dem Alter waren andere früher schon Großmütter. Ich habe noch nicht einmal ein Kind. Aber Dellen! Ist das diese "Orangenhaut" von der man neuerdings beim Friseur so viel liest? Außerdem weiß ich gar nicht, ob ich ein Kind bekommen kann. Ich meine, mit Günther habe ich es noch nicht probiert. Also, probiert schon, aber mit Verhütung, du weißt schon. Peter wollte damals unbedingt ein Kind, wir haben es auch versucht, also: ohne Verhütung. Ihn haben die Dellen auch nicht gestört, glaube ich. Er hat gemeint, wir sollen es locker angehen. Anfangs wusste ich nicht: Meint er das Kindermachen oder die Beziehung? Später haben wir uns nicht mehr viel zu sagen gehabt und irgendwann ist er nicht mehr heimgekommen.

Ihr habt gemeinsam gewohnt?

Ja, das war kurz nach dem Studium - du weißt ja, ich hab's abgebrochen: Publizistik und Sport. Wir wohnten im 5. Bezirk. Er war Teamleiter bei der Post. Ich wollte damals immer schon raus auf's Land. Dort, wo die Sommer kühler sind und die Nachbarn herzlicher.

Herzlicher! Für mich wär das nichts. Die sind nicht herzlicher, die sind neugieriger! Tratschen, reden über dich, hinter deinem Rücken, wenn du dich anstellst, zum Beispiel beim Greißler, um die Wurst oder so. In der Stadt kennt dich niemand, wenn du das nicht willst.

Willst du nicht gekannt werden? Oder nur nicht erkannt werden? Ich meine, Peter und ich, wir hatten schon gemeinsame Freunde, Bekannte. Manchmal waren sie bei uns, ich machte Fondue oder so. Peter trank hauptsächlich Bier. Mit Stefan und Irene. Die beiden waren so verliebt! Aber meistens betrunken, also: Zumindest wenn sie bei uns waren.

Ich finde zuhause kochen eigentlich scheiße. Man steht die ganze Zeit in der Küche herum und hat gar keine Möglichkeit sich mit den Gästen zu unterhalten. Restaurants sind mir da lieber!

Du: Manchmal war ich sogar froh, mich nicht mit ihnen unterhalten zu müssen. Wenn Peter betrunken wurde, redete er immerzu von Bier. Der Antrunk sei hopfig und lang, der Körper füllig und weich. Hätte er mich gemeint, ich glaube, es hätte mich nicht gestört. Nicht im Geringsten. So saß ich in der Küche und habe heimlich getrunken. Kein Bier, meistens Eier- oder Kaffeelikör.

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