Aus dem Rahmen gefallen

Der Blick von Klaus war so mürrisch und verschlagen wie jeden Tag. Eigentlich war der Kerl mir schon länger unsympathisch, auch äußerlich. Aber heute ging er mir richtig auf die Ketten. Wieso hing der mit seinem verkniffenen Gesicht überhaupt in meiner Küche rum? Gute Impulse bekam ich nie von ihm. Schräg gegenüber von Klaus lehnte Siegfried an der Wand. In seiner freundlichen und zurückgenommenen Art wirkte er wie dessen Gegenspieler und war daher Balsam für meine schwankenden Stimmungen. Mit ihm konnte ich auf Augenhöhe reden. Klaus dagegen knurrte nur und zog seine finsteren Augenbrauen noch enger zusammen. Unsere Dreierrunde in der Küche bildete schon länger meinen einzigen Sozialkontakt.

Um genau zu sein seit vier Jahren. Solange wohnte ich in Rothenburgsort, auch Totenburgsort genannt. Viele denken, auf dieser Seite der Elbe liegt das abgehängte Hamburg. Da will keiner hin, geschweige denn wohnen, obwohl es nur zehn Minuten in die City sind. Genau deshalb mag ich es hier. Ich betrachtete meine Wohnung als großen Wurf: bezahlbar und mit Blick auf die Elbe. Ich hatte die Zweizimmerküchebad von einem Freund übernommen, der überraschend ins Ausland zog. Voll möbliert, sogar noch mit Bildern an den Wänden. Leider ohne Bücher. Aber die Lage war top. Nur über die Straße und schon auf dem Deich, direkt am Wasser – muss man sich mal vorstellen! Weil ich außer dem Elbkick in dieser Zeit eher wenig Spaß am Leben hatte, war ich oft draußen. Ich mochte den Wind in den Haaren und im Gesicht, den Geruch des Elbwassers, das Geschrei der blöden Möwen und das Geknatter der Binnenschiffe. Wenn ich nicht im Freien war, schaute ich aus meinem Küchenfenster auf den dunklen Fluss.

„Ich hab Theaterkarten für heute,“ sagte ich zu Siegfried, „bei einem Online-Spiel gewonnen.“ Er lächelte zurückhaltend, aber interessiert. Natürlich wollte er mich motivieren hinzugehen, gerade weil er wusste, dass das nichts mehr für mich war. „Schauspielhaus, zwei Karten. Mann, wann war ich da zuletzt…?“ Draußen dämmerte es bereits, trotzdem bemerkte ich ein aufmunterndes Blinzeln in seinem hellen Blick. „Klar gehst du da hin,“ hieß das. Aus dem Augenwinkel sah ich Klaus feixen, der keine Sekunde daran glaubte, dass ich je wieder unter Leute gehen würde. „Lass mich doch einfach in Ruhe!“, giftete ich ihn an. Plötzlich verlor ich die Beherrschung, griff mir den Kaffeebecher vom Tisch und schleuderte ihn in seine Richtung. Gepolter und Klirren. Die darauf folgende Stille war schwer auszuhalten. Sie war mir peinlich. Vor mir selbst.

Ich fegte die Scherben zusammen. Mein Becher hatte Klaus mitten ins Gesicht getroffen. Er war sofort zu Boden gegangen. Erleichtert warf ich seine Überreste in den Mülleimer und atmete tief durch. Siegfried Lenz blickte weiter freundlich aus seinem Rahmen und ich las Zufriedenheit in seinem Gesicht. Wahrscheinlich war ihm Störtebekers dauerschlechtgelaunte Visage von der Wand gegenüber inzwischen auch zu viel geworden.

© Beate-Luise