Cinema Paradiso

Mein zweites Zuhause ist ein erhabener, fast magischer Ort. Doch bevor ich mich darüber auslasse, frage ich mich: Was ist denn ein Zuhause? Wo ich selbst und meine Kinder groß geworden sind? Wo die Bilder unserer Ahnen die Wände schmücken - oder verschatten? Wo man seinen Garten bestellt? Oder schlicht da, wo derzeit das Bett steht? Beschenkt ist sicher schon, wer eine Antwort hat. Auch ich habe eine, aber davon soll jetzt nicht die Rede sein.

Mein zweites Zuhause ist eine Insel. Hierher flüchte ich, weg von DEM Zuhause, um auf andere Gedanken zu kommen. Hier finde ich Geborgenheit, Trost, Ablenkung, Unterhaltung und Inspiration, wenn ich zwei, drei Stunden erübrigen kann. Mitunter gestohlene Stunden. Aber sie legen sich wie eine Glückshaut um mich.

Die Rede ist nicht vom Bett eines Liebhabers, sondern von einem Lichtspieltheater. Das Magazin hat das Kinosterben nach der Erfindung des Fernsehens bisher überdauert. Was ein Segen ist! Es stammt etwa aus dem Jahr 1938, als es allein in dieser Ecke von Hamburg noch etliche Kinos gab. Und wunderbar plüschig sieht es auch immer noch - oder inzwischen wieder - aus: 370 Plätze aus rotem Samt, ganz wie in den Fünfzigern, der Saal ein elegantes Oval. Im Foyer keine Popcorntheke. Dafür werden hier Getränke in Gläsern, Salmi-Lollis und andere Leckereien an einem von Schiebefenstern umrahmten Verkaufstresen, herrlich drapiert, angeboten.

Der Kartenabreißer und Filmvorführer ist ein älterer kleiner, freundlicher Herr mit grauem Haar, auf den ich mich immer besonders freue. Heimlich beneide ich ihn um seinen Job. Im schummerigen Kinosaal, wo es ohne Reservierung immer viele freie Plätze gibt, läuft leise Musik aus der Swing-Zeit.

Und dann gehts los. Hier bin ich ganz ICH. Ich räkele mich gemütlich in einem Sitz in der Mitte einer Reihe weit hinten, wo ich niemanden vor mir habe, der mir mit Hut oder Haaren das Bild versperrt, und gebe mich den bewegten Bildern hin, tauche ab in andere Welten. Bin berührt, nachdenklich, angespannt oder aufgewühlt, manchmal auch ärgerlich. Im besten Fall gehe ich als eine Andere raus, als die, die gekommen ist.

Schön sind auch Lesungen, zu denen der Saal dann gerappelt voll ist. Roger Willemsen war hier, auch Harry Rowohlt, als diese noch unter den Lebenden weilten. Vor zwei Jahren gab Heinz Strunk, der mal um die Ecke wohnte, hier eine fulminante One-Man-Show.

Das Magazin ist nicht nur mein zweites Zuhause, sondern das Wohnzimmer darin. Manchmal, wenn ich schon spät dran bin, denke ich, es wäre auch nicht schlimm, wenn ich in Hausschlappen oder in Jogginghose herkäme, so vertraut fühle ich mich diesem Ort.

Erfreulich für mich ist auch, dass mein 14-jähriger Sohn, der sonst gern zentrale Multiplex-Kinos mit Nacho- und Cola-aus-Eimern-Verkostung besucht, inzwischen öfter mit mir hierher kommt. Mir scheint fast, als fände auch er Geschmack an dem aus der Zeit gefallenen Charme dieses Ortes.

© Beate-Luise