Costa Cordalis an meinem Bett

Es sind die frühen 70er Jahre. Der Krieg ist zwar lange vorbei, aber noch spürbar. Bei uns zu Hause in der Wortlosigkeit. Noch sichtbar in dem alten Mann, der neben uns wohnt, ein Zitterer. Das Wort „traumatisiert“ kennt damals niemand. Die Flower-Power-Zeit hat begonnen, aber nicht bei uns. Meine kleinstädtische Kindheit ist grau und freudlos. Ich bin kurz vor der Einschulung, auf die man mich einstimmt mit den Worten: „Nun beginnt der Ernst des Lebens.“ War mein Leben bisher etwa lustig?

Immerhin haben wir seit Kurzem einen Fernseher. Das klobige Schwarz-Weiß-Gerät bringt endlich einen Hauch guter Laune in die Bude. Am meisten freue ich mich auf die Hitparade samstags, eine Show aus überwiegend deutschen, zu Halb-Playback gesungenen Schlagern. Heute klingen sie hohl, laufen aber erstaunlich erfolgreich wieder auf 70er-Partys und Schlagermoves. Erstmals ahne ich, dass es in der Welt außerhalb unserer Zweieinhalbzimmerwohnung fröhlich und bunt zugehen kann.

Wie gut die sogenannten Interpreten aussehen! Samtanzüge zu Plateaustiefeln und Hemden mit riesigen Kragen, stark geschminkte Frauen mit Betonfrisuren, schrillen, wallenden Kleidern oder engen Minis, die Männer mit XXL-Koteletten und schulterlangem Haar. Das alles steht in krassem Gegensatz zu meinen von Verwandten übernommenen Klamotten, die ich auftragen muss. Funktionale Jungskleidung. Meine Mutter lässt mir einmal im Jahr die Haare kurz schneiden. Ist praktischer so, findet sie.

Gebannt sitze ich vor dem Bildschirm, während ich die Lieder förmlich aufsauge: Jürgen Marcus singt „Heute fängt ein neues Leben an“, ein anderer von einem Zug nach Nirgendwo, einer behauptet sogar „Tränen lügen nicht“, aber die warme Stimme von Daliah Lavi verheißt: „Es geht auch so!“. Am besten gefällt mir Costa Cordalis mit „Carolina, komm!“. Während der Auftritte wird eine Autogrammadresse der Stars eingeblendet. Inzwischen trage ich dem Ernst des Lebens Rechnung und kann schreiben, bitte also Costa Cordalis um ein signiertes Foto. Im Gegenzug schicke ich ihm ein Urlaubsfoto, auf dem ich dem Betrachter albern die Zunge rausstrecke. Wochen später erhalte ich, ohne ein Wort, ein aus einer TV-Zeitschrift ausgeschnittenes, auf Papier geklebtes Foto meines Lieblingssängers. Mit Schreibmaschine hat immerhin jemand „Für Beate“ darauf getippt. Costa himself, bilde ich mir ein.

Das Bild hängt lange im Kinderzimmer neben meinem Bett. Oft sehe ich es an und träume von Partys mit lauter Musik, gut gelaunt tanzenden, poppig gekleideten Menschen, Lachen und Leichtigkeit. Ich will dazu gehören.

© Beate-Luise