Der Fall

Unterliegen zufällige Ereignisse einer Bestimmung und will diese uns etwas lehren? Diese Frage stellte ich mir damals auf dem Rückflug von Paris immer wieder.

Meine Freundin Svenja aus Kindertagen lebte seit Jahren in A., einem nördlichen Vorort von Paris. Wir sahen uns selten. Ich studierte in Hamburg Literaturwissenschaft, Französisch im Hauptfach. An einem Dezemberabend vor 25 Jahren rief mich ihr Bruder Christian an, er wolle Svenja übers Wochenende besuchen, ob ich mitkäme, als Überraschungsgast. Keine Frage! Da er in einem Reisebüro arbeitete, kam er an günstige Flüge und Svenja fiel vor Freude fast um, als ich unerwartet die Bildfläche betrat. Großer Wiedersehensrummel und eine lange Nacht folgten.

Am nächsten Tag fuhren wir mit einer Freundin von Svenja im Auto nach Paris zu einer Ausstellung. Auf der Rückfahrt nach A. durch zähen Samstagsverkehr redeten wir alle durcheinander, über die Ausstellung, über Paris, über uns und das Leben. Es dämmerte, als wir eine Seine-Brücke überquerten. Man konnte nur langsam fahren, irgendwo staute es sich. Ganz ins Gespräch vertieft sah ich aus dem Augenwinkel jemanden rechts von uns auf dem Brückengeländer sitzen. Ein Mann in eleganter Kleidung, mit dem Rücken zu uns. Während wir weitersprachen, fiel bei mir der Groschen noch nicht.

Wie in Zeitlupe, so sah ich es später immer wieder vor meinem inneren Auge, ließ sich der Mann vom Geländer vornüberfallen. Abrupt verstummte unser Gespräch. Silkes Freundin am Steuer schrie: „Il a sauté, merde - er ist gesprungen!“ Ich war erstarrt, wie vom Blitz getroffen. Die anderen auch. Einige Autos hielten. Die Brücke war hier mindestens 30 Meter hoch. Eine aufgelöste Frau erschien am Fenster unseres Wagens und fragte, ob wir es auch gesehen hätten. „Faut appeler les pompiers, non?!“ Die Feuerwehr anrufen, klar. Nur hatte zu der Zeit noch kaum jemand ein Handy, wir jedenfalls nicht. Was konnten wir tun? Sollte der Mann den Fall ins Wasser überlebt haben, würde die eisige Strömung ihn sofort mitnehmen. Er müsste sofort gerettet werden. Jetzt. Wir befanden uns mitten auf der Brücke im Stop-and-Go-Verkehr. Hinterherspringen war keine Option. Einige Fahrer stiegen aus und sahen hinunter. Wir rollten in fassungsloser Stille langsam weiter.

Der Rest des Wochenendes lag gedämpft wie unter Watte. Ich erinnere mich an nichts.

Nur an meine Erleichterung am nächsten Tag zurückzufliegen. Deprimiert wie nie zuvor. Das grauenhafte Gefühl, aus Hilflosigkeit versagt zu haben, während ein Mensch neben mir in den Tod sprang, war übermächtig. Im Flugzeug kramte ich in meinem Rucksack nach einem Taschentuch. Ein erneuter Schreck durchzuckte mich, als mein Blick auf den Titel des mitgenommenen Buches fiel: Der Fall von Camus. La Chute. Eine Sequenz handelt davon, dass eine Frau sich von einer Brücke in den Tod stürzt. Der Ich-Erzähler rettet sie nicht. Ein schauriger Zufall?

Nie wieder habe ich dieses Buch in die Hand genommen.

© Beate-Luise