Der große Mr. Freeze

Der Hausmeister, ein hünenhafter, dicker Mann, hockte Morgen für Morgen in seiner verglasten Loge im Eingangsbereich des Gymnasiums. Er flößte uns Respekt ein, gleichwohl gab es selten Ärger mit ihm. Wir nannten Herrn F. unter uns Mr. Freeze, so wie das stangenförmige bunte Wassereis in Plastikfolie damals hieß. Dabei funkelten warme, braune Augen in seinem runden Gesicht. Immer trug er einen grauen Kittel, der ihn uralt wirken ließ. Tatsächlich aber er war sicher noch keine dreißig. Wurde er doch mal wütend, donnerte seine tiefe Stimme mit Echo durch die gekachelten Flure. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben, also mieden wir ihn.

Am Tag meiner schriftlichen Abiturklausur in Französisch deponierte ich in einer bunten Stofftasche ein zweisprachiges Wörterbuch in der Mädchentoilette. Ich dachte, sicher ist sicher, dann kann ich notfalls heimlich beim Klogang nochmal etwas nachschlagen, wenn es hakt. Ich brauchte nichts nachzuschlagen, die Klausur lief rund. Erst nachts im Bett fiel mir siedend heiß ein, dass ich die Tasche mit dem Wörterbuch im Toilettenraum vergessen hatte. Blöderweise stand darin mein Name. Na fein, das wars dann mit dem Abi. Ich ärgerte mich kaputt über meine Vergesslichkeit. Mr. Freeze würde natürlich bei seinem täglichen Kontrollgang nach Schulschluss die Tasche finden und abgeben: „Gefunden nach der schriftlichen Abiprüfung im WC.“ Ich hörte meinen cholerischen Französischlehrer schon schadenfroh rufen: „Dieser Täuschungsversuch führt zu null Punkten. Dein Abitur ist damit nicht bestanden.“ Zéro points! Ich konnte es nicht fassen und schlief keine Minute.

Am nächsten Morgen betrat ich bedrückt die Schule und linste zum Glaskasten. Mr. Freeze starrte darin auf ein Mettbrötchen. Ich ging direkt zum Mädchenklo, die Tasche war natürlich weg. Gleich neben dem Klo befand sich der Raucherhof, wo ich mir eine Selbstgedrehte ansteckte, während ich fieberhaft überlegte, was ich tun sollte. Im Lehrerzimmer nachfragen? Absurd! Wieder nach Hause gehen? Es war ja kein Unterricht mehr in unserer Stufe. Ich hätte weiterlernen müssen für die nächste Klausur. Doch wenn ich eh aus dem Rennen war, konnte ich mir die Mühe auch sparen. Also zu Mr. Freeze?

Ich stand wie eine Sünderin vor ihm, der mich um etwa einen Meter überragte, und sah lange auf seinen Bauch. Schließlich presste ich hervor: „Ich habe gestern meine Tasche im Toilettenraum vergessen.“ Er schwieg eine Ewigkeit, bevor er antwortete: „Gestern war doch Abitur. Die Tasche habe ich gefunden.“ Erneute Stille. Ich wand mich innerlich. Mein Blick erreichte irgendwann sein Gesicht. Er lächelte – hämisch, fand ich. Dann drehte er sich sehr langsam um, humpelte zu einem Wandschrank in der Ecke, bückte sich umständlich und kramte, wie in Zeitlupe, von tief unten etwas hervor. Mein Herz hörte auf zu schlagen. Er sprach kein weiteres Wort, sondern drückte mir meine Tasche mit dem Wörterbuch darin in die Hand und schob mich aus seinem Kabuff.

© Beate-Luise