Das Freitagsorakel

Glauben und Aberglauben stecke ich mir nach einer Art Baukastenprinzip zusammen. Beim Wegpusten einer Wimper wünsche ich mir immer etwas. Manchmal bastele ich mir auch so etwas wie eine Tagesweisheit. Mein Lieblingsorakel gilt freitags, wenn ich morgens mit der U-Bahn zur Arbeit fahre. Meistens sitzt am Ausgang der Station ein älterer, ukrainischer Akkordeonspieler.

Noch in der Bahn denke ich: WENN er da ist UND er spielt UND ich habe einen Euro in der Manteltasche, DANN wird es ein guter Arbeitstag. Jeden Freitag birgt daher das Aussteigen für mich einen Moment gespannter Erwartung, denn ich freue mich auf die Musik und den Spieler. Lauschend gehe ich den Bahnsteig entlang. Wenn es windig ist, wie in Hamburg oft, dann höre ich die zarten Töne seiner Musik erst in der Mitte treppauf und bin bis dahin enttäuscht. Doch wenn ich sie höre, dann… Ich habe keine Ahnung, was er spielt, aber die wehmütigen Klänge berühren und rühren mich. Und an einem richtig guten Tag singt er sogar zu seinen melancholischen Melodien in Moll, eine Zigarette in schwarzer Spitze im Mundwinkel. Ich liebe diesen Moment: Aufzutauchen aus dem dunklen Maul des Bahnschachts und an der zugigen Ecke den alten Musiker mit seinen im Morgenlicht leuchtenden grünen Augen zu erblicken.

Viele Passanten wie ich kennen ihn lange vom Sehen. In seinem Instrumentenkoffer liegen neben Geldstücken immer auch einzelne Zigaretten, mal ein Brötchen, im Winter Mandarinen oder ein Stück Naschwerk. Oft redet er mit Leuten und spielt dabei leise weiter. Es kommt auch vor, dass er sein Instrument beiseitestellt, um einen Kinderwagen die Treppe rauf- oder runtertragen zu helfen oder mit einem Kind zu schäkern. Wenn ich in so einem Moment vorbeigehe, werfe ich keine Münze in seinen Koffer. Warum, weiß ich nicht. Weil ich leistungsorientiert bin und nur bezahle, wenn ich für mein Geld etwas geboten bekomme? Oder weil es mir peinlich ist, für gewissermaßen nichts als mein selbst gebautes Tagesomen zu bezahlen?

Eines Winters treffe ich den Spieler wochenlang nicht an und mache mir Gedanken um ihn, denn er und seine verträumte Musik fehlen mir, auch wenn danach an dem Tag bei mir alles glatt läuft. Als er nach längerer Zeit endlich wieder an seinem Stammplatz sitzt, freue ich mich und rede erstmals mit ihm mehr als „Guten Morgen – schönen Tag für Sie!“ Ich frage, warum er solange nicht hier war. Er antwortet, dass er krank gewesen sei und nun Medikamente nehmen müsse. Doch letztlich habe er, um gesund zu werden, nur wieder an seinen Platz am U-Bahn-Tunnel zurück gewollt, der für ihn Freiheit bedeute. Während er spricht, sieht er mich aus seinen hellen Augen an und spielt ruhig einige Akkorde auf dem grün schillernden Akkordeon. Ich bilde mir ein, dass er in dieser Minute nur für mich spielt.

© Beate-Luise