Es war einmal am Michel...

Als ich 1987 nach Hamburg zog, wohnte ich mit Petra in einer WG am Großneumarkt. Altbau, 5. Stock. Man ging durch ein düsteres Treppenhaus einem Oberlicht entgegen. "Wo wir sind, ist das Licht", sagten wir stolz. Aus meinem Bett sah ich den Turm des Michels ganz nah. Von dort oben bläst seit 300 Jahren morgens und abends der "Türmer" einen Choral auf der Trompete durchs Viertel. Diese Tradition kündigte vor Zeiten die Schließung der Stadttore an. Jedesmal durchzog es mich warm, wenn die Klänge mein Ohr erreichten.

Damals existierten weder Hafencity, Musicalzelte, Elbphilharmonie noch das Gruner & Jahr-Gebäude. In der Hafenstraße fanden Straßenkämpfe um besetzte Häuser ihren Höhepunkt. Etwas weiter standen Fischfabriken hinter alten Kühlschuppen, keine Glas-Beton-Bauten mit Möbelhäusern und japanischen Restaurants. Sonntags kauften wir oft um kurz vor zehn auf dem Fischmarkt für unser WG-Frühstück ein.

In einer Imbissbude auf dem Großneumarkt, quasi vor unserem Haus, war die Currywurst erfunden worden. Jedenfalls in Uwe Timms berühmter Erzählung. Dort betrieb auch eine reale alte, hagere Dame mit sehr blauen Augen seit Jahrzehnten einen Blumenstand: Mariechen Pedall. Sie wohnte wie wir in der Nr. 22. "Neu hier, min Deern? Ich wohn schon 50 Jahr´ hier, aber dich kenn ich gor nich", sagte sie bei unserer ersten Begegnung im Treppenhaus.

Petra und ich lernten auch den stark tätowierten Mieter unter uns kennen. Uns fehlte irgendwas zum Kochen, also klingelten wir. "Der staubsaugt," deutete Petra den durch die Tür dringenden Lärm. Nach weiterem Läuten wurde geöffnet, aber wir sahen - nichts. Die Wohnung dahinter war TOTAL schwarz. Der Staubsauger entpuppte sich als die Musik des Tätowierten. Zum Kochen hatte er nichts da, doch er hielt uns zwei Dosen Bier hin.

Am Silvesterabend hatten wir alle Zutaten für unser Essen im Haus. Ein paar Freunde waren bei uns. Wir kochten gemeinsam, aßen, tranken, spielten und hatten Spaß. Kurz vor Mitternacht stiegen wir mit einigen Flaschen Sekt durch eine Holzluke auf das flache Dach des Hauses, wo im Sommer die Teerpappe schmolz. In fieseligem Regen sahen wir von dort das Mitternachtsfeuerwerk an den Landungsbrücken an. Ein grandioser Anblick, exklusiv für uns.

Beschickert zogen wir dann durch nah gelegene Hafenkneipen. Es gab noch Kaschemmen, die authentisch-ranzig und nicht mal in der Silvesternacht überfüllt waren. Schon gar nicht mit Hipstervolk, wie heute der telegene, extra für Talkshows und Touristen aufgemotzte Schellfischposten. Eine Spelunke, in die wir einkehrten, hieß Fick, wie der Inhaber. Passte ja in die rotlichtige Nachbarschaft. Den urigen Laden gibt es, wie viele andere, schon lange nicht mehr.

Schnaps und Bier flossen auch in anderen Hafenbars in Strömen, die Musik aus der Jukebox. Jeder redete und schwofte mit jedem. Ein erhabener Jahreswechsel! Gleichzeitig ahnte ich, schon etwas wehmütig, dass hier eine Zeitenwende bevorstand.

© Beate-Luise