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Frau Holle in Venedig

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Frau Holle in Venedig | story.one

"Nehmt auf jeden Fall Gummistiefel mit!", hatten Freunde und Kollegen uns geraten. S. besaß keine. Meine passten nicht mehr in den kleinen Koffer. So brachen wir auf in der Unsicherheit, nasse Füße zu bekommen.

Es war kalt in der Stadt, der Himmel Anfang Dezember wolkenlos. Das Blau spiegelte sich wider in den Kanälen. Das Licht der tief stehenden Sonne blendete, wenn man aus dem Schatten einer Calle, wie die engen Straßen oft heißen, trat. Offenbar hatte die Piazza San Marco bis vor einigen Tagen wirklich unter Wasser gestanden. Vielleicht waren deshalb unerwartet wenig Touristen hier. Ich hatte menschenverstopfte, laute Jahrmarktatmosphäre und faulige Luft befürchtet. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Stadt war überwältigend und kaum in Worte zu fassen. Mehr als einmal kamen mir die Tränen vor dieser fast kitschigen Pracht. Solchermaßen sinnlich erfasste ich die Redewendung "Mir geht das Herz über".

Venedig ließe sich mit einer widersprüchlichen, launischen Kurtisane vergleichen, deren Augen schon alles gesehen haben. Ihre Probleme scheinen unlösbar. Jährlich fallen Millionen von Liebhabern über sie her, doch sie ist abhängig von deren Geld. Während ihr (Wasser-)Pegel steigt, versinkt sie. Ihre High Heels, sprich: die Pfähle, die sie tragen, verfaulen. Vielen Bewohnern ist sie zu teuer und sie wird von ihnen verlassen. Etliche Palazzi stehen leer oder werden zu Hotels. Die Serenissima verströmt, trotz bröckelnder Fassade und Rissen im Make-Up, einen morbiden, verschwenderischen Charme.

Damals verhunzte noch kein Kreuzfahrtschiff die Kulisse. Nur wenige Meter abseits der beschilderten Touristenpfade ließen S. und ich uns ungestört und ohne Stadtplan durch das Gassenlabyrinth treiben. In allen Winkeln, an jedem Giebel nichts als betörende Schönheit.

Stunde um Stunde streiften wir umher und setzten uns zwischendurch auf eine Bank vor einem Bacaro, einer typischen, kleinen Weinbar, die oft nur aus einem Tresen besteht. Dort werden zum Wein auch frisch zubereitete Snacks, köstliche Cicchetti, verkauft. Mittags wärmte die Sonne unsere Gesichter. Uns umgab ein unaufgeregtes Geräuschlevel. Weder Autos noch Motorroller, nur das Gurgeln des Wassers, das tiefe Brummen der Vaporetti und der melodische Singsang der Gespräche von Einheimischen. Wir besichtigten Kirchen und Museen, natürlich auch die Rialto-Brücke und den Dogenpalast, aßen in kleinen, aber großartigen Restaurants zu moderaten Preisen und waren verliebt. In Venedig und in uns.

Am Sonntagmorgen gingen wir lange in der Sonne am menschenleeren Strand des Lido spazieren. Von fern wehte Glockengeläut über die Lagune. Im Vaporetto fuhren wir zu den Inseln San Michele und Murano.

In unserem kleinen Hotel hatte meine Bettdecke ein winziges Loch. Groß genug aber, dass etliche feine Daunen herausgelangten und wie Schneeflocken herumstoben. Sie hingen in unseren Haaren und Klamotten.

S. nannte mich Frau Holle.

© Beate-Luise 13.12.2019

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