Gegen den Strom

Etwas knarzend und nur gegen leichten Widerstand lässt sich meine Erinnerungskiste öffnen. Ein langer Januarabend bietet mir Muße für einen Blick hinein. Der erste fällt auf eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie wurde auf dem Campus der Uni Hamburg aufgenommen, vermute ich. Wahrscheinlich am 4. Juni 1967. Am Tag zuvor war der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Kaiserpaars in Berlin tödlich von einer Kugel aus der Waffe eines Polizisten getroffen worden. Zynisch formuliert war es ein, wenn nicht DER Startschuss der Studentenrevolte.

An diesem 4. Juni beehren der persische Herrscher und seine Glamour-Gattin Farah auch Hamburg mit ihrem Besuch. Bei linken Studenten und iranischen Oppositionellen gilt der Kaiser als Gewaltherrscher, der auf Kosten der verarmten Bevölkerung seines Landes, unterstützt durch die USA, ein Luxusleben führt. Während das Paar im Hamburger Rathaus Hof hält und sich später in der Staatsoper verlustiert, kommt es vor diesen Gebäuden ebenfalls zu Protesten und Tumulten.

Das Foto vor mir zeigt eine Ansammlung von Studenten, die einer Kundgebung zu lauschen scheinen. In ihrer Mitte steht ein Mann, der sich nicht nur durch seine Sonnenbrille von den Umstehenden abhebt, sondern auch durch die elegante, dunkle Krawatte, die er zum weißen Hemd trägt. Seine Miene ist arrogant, er hat die Mundwinkel verächtlich nach unten gezogen. Obwohl er inmitten von Menschen steht, scheinen unsichtbare Wände ihn von diesen zu trennen. Aus seiner rechten Hand ragt – über die Köpfe der Anwesenden - ein weißes Plakat, das an einem Stab befestigt ist. In fetter Schrift ist darauf zu lesen: „I like M. Reza Pahlewi. Welcome to Hamburg“. Sein geringschätziger Gesichtsausdruck sagt: „Ihr alle seid Spinner und habt keine Ahnung. Aber seht her! Ich bin der Einzige hier, der Bescheid weiß.“

Der Protagonist dieser solitären Gegendemo war mein Vater. Der, dem ich zwar mein Leben verdanke. Aber auch der, der es mir tausendmal vergällt hat. Das Bild wurde für mich zum Symbol seiner Egozentrik, seines Querulantentums, seiner Ignoranz und seiner überspannten Selbstverliebtheit. Auch illustriert es anschaulich, dass Gefühle wie Scham und Peinlichkeit ihm unbekannt waren. Wahrscheinlich hat seine Eitelkeit ihn bewogen, das Foto gleich auf A-4-Format vergrößern und -zigmal vervielfältigen zu lassen. Ich fand den Stapel nach seinem Tod im Nachlass.

© Beate-Luise