Geister, die ich rief?

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Geister, die ich rief? | story.one

Vor etwas über 20 Jahren vertrieb ich mir, bereits dick und träge wie ein Walross, die Endzeit meiner ersten Schwangerschaft oft mit Schreiben. Dabei entstand, wohl als mentale Vorbereitung auf die mir unbekannte Mutterrolle, eine Geschichte für meine noch ungeborene Tochter.

Der Protagonist darin ist Max. Ein vergnügter, frecher Kerl, der im Garten von Herrn Krüsch lebt. Dieser ist besessen von seinem gepflegten Rasen, den er mit Hingabe hegt. Richtig, Max ist ein Maulwurf und macht sich einen Spaß daraus, immer dann, wenn Krüsch im Anblick seines frisch gestylten Grüns schwelgt, hinter ihm braune Erdhügel aufzuwerfen. Wütend planiert Krüsch diese umgehend mit einer schweren Schaufel. Max beobachtet ihn unbemerkt und feixt. Während Krüsch das Gerät pingelig säubert, türmt Max schon den nächsten Hügel auf - und so fort.

Meine Tochter lachte sich später kaputt über die Geschichte. Einige Jahre darauf auch ihr Bruder. Dann geriet Max in Vergessenheit.

Nun kommt er mir wieder in den Sinn, weil ich inzwischen selber einen Garten mein Eigen nenne. Bis vor zwei Jahren war der Rasen darin zwar ungepflegt, denn er hatte jahrelang als Spielwiese gedient, dafür aber noch okay ausgesehen. Die Tochter ist mittlerweile aus dem Haus und der Sohn spielt nicht mehr im Garten, sondern am Computer.

Vielleicht ist die Ruhe nun eine Einladung für Max oder seine Nachkommen. Jedenfalls bin ich jetzt diejenige, die sich morgens beim ersten Blick in den Garten über braune Erdhügel auf dem Gras echauffiert. Manchmal renne ich noch im Bademantel raus, zerre die Schaufel (!) vom Haken und schlage verärgert die kleinen Berge platt.

Im Internet bestelle ich seltsame, pilzförmige Plastikteile, die man in die Warften steckt und die alle 30 Sekunden ein enervierendes Summen ausstoßen. Das Geräusch soll die Maulwürfe mit ihrem sensiblen Gehör angeblich vertreiben. Leider bin allein ich genervt davon, den Wühlern geht es am Ar*** vorbei. Sie arbeiten weiter.

Dann gieße ich Essig ins Innere der Krater. Vertreibung durch Gestank. Und - endlich Ruhe! Der Rasen erholt sich. Ich auch.

Ich streue neue Saat auf die braunen Stellen - sieht ja hier aus wie auf einem Truppenübungsplatz. Fröhlich bitte ich meinen Sohn, die Restgrashalme mal wieder zu mähen. Einen Sommerabend lang freue ich mich - my second name is Krüsch - über meinen wieder ergrünenden Rasen.

Am nächsten Morgen - die Fortsetzung.

Ich hadere, finde mich gleichzeitig albern und spießig. Lese was Esoterisches, dass Unkraut dort wächst, wo es gebraucht wird. Folgere daraus, dass vielleicht auch Tiere zu dem kommen, der sie braucht. Aber warum oder wozu brauche ich einen Maulwurf und mittlerweile auch Wühlmäuse???

Mein Sohn bringt schließlich Licht in meinen finsteren Blick: "Du hast die Maulwürfe bestimmt mit der Max-Geschichte heraufbeschworen."

Irgendwie einleuchtend.

© Beate-Luise 29.08.2019