Gute Butter und geschlürfte Eier

Schon als Kind hatte ich unvergessliche Erlebnisse, die meinen Vater als knauserigen Sparfuchs, oder noch schlimmer, als Geizhals auswiesen. Als ich drei oder vier Jahre alt war, machte er mit mir Urlaub an der Nordsee, wo wir für eine Woche in einem kleinen Hotel in St. Peter-Ording wohnten. Beim Frühstück wurde immer alles aufgegessen. Das fiel uns auch nicht schwer, denn es gab pro Gedeck lediglich zwei Brötchen und eine Scheibe Graubrot, ein wenig Wurst, Käse und Marmelade, vielleicht ein Ei sowie ein Tellerchen mit ausgestochenen Buttervierecken. Als wir am ersten Morgen unser Frühstück beendet hatten und nur noch einige Buttereckchen übrig waren, sprang ich voller Tatendrang auf. Doch mein Vater hielt mich zurück: „Einen Moment noch! Die Butter haben wir schließlich auch bezahlt!“ Sprachs und schob sie sich mit einem Kaffeelöffel ohne alles in den Mund.

Gier und Sparsamkeit meines Vaters zeigen hier einerseits die Folgen des erlittenen Hungers der Kriegsgeneration, aber auch den vermutlich daraus resultierenden Hang zum Alles-nehmen, was zu haben ist.

Ein andermal unternahmen wir eine Radtour im Umland von Hamburg, als ich etwa fünf Jahre alt war. Ich war ein Scheidungskind und verbrachte manchmal ein Wochenende bei ihm. Er hatte irgendwo günstig ein altes, blaues Fahrrad für mich aufgetrieben, auf dem ich an diesem Sommertag neben ihm um einen See radelte. Der Ausflug war tagesfüllend und machte mir Freude, aber auch Durst.

Mein Vater tat, als wäre es kein Problem, dass er vorher keinerlei Gedanken an meine kindlichen Bedürfnisse vertan hatte und klingelte kurzerhand an einem Bauernhaus am Weg, wo er für mich um ein Glas Milch bat. Ich erhielt es und während ich trank, fragte er die Frau des Hauses, ob sie ihm frische Eier verkaufen könne. Wahrscheinlich wollte er damit eine Art Gegenleistung erbringen. Nachdem er auch die Eier erhalten, bezahlt und ich ausgetrunken hatte, fuhren wir weiter. Die Eierschachtel hatte er auf seinen Gepäckträger geklemmt. Es ging auf unbefestigten Wegen über Stock und Stein und – man ahnt es schon -, durch das Geruckel gingen die Eier zu Bruch. Wir bemerkten es erst, als der Karton schon völlig durchgeweicht war. Ich nahm an, mein Vater würde das Gelege nun wegwerfen. Stattdessen belehrte er mich in dem für ihn typischen Besserwisserton: „Eier sind gesund!“ In ungläubigem und angeekeltem Staunen sah ich ihm zu, wie er eins nach dem anderen aus der Schale schlürfte.

Dies waren vergleichsweise harmlose Kostproben der buchstäblichen Ver-rücktheit meines Vaters. Andere dagegen waren mehr als grotesk und weitaus peinlicher, nicht nur für ihn, sondern auch für mich und andere Beteiligte.

© Beate-Luise