If you´re going to San Francisco...

Unternehmungslustig schleppte ich meine Familie zu einem Patio-Flohmarkt gleich um die Ecke. Es war der neunte Tag unserer Reise durch Kalifornien, der mit einem gemütlichen Frühstück in einem Deli in San Francisco begonnen hatte.

Wir betraten den Innenhof eines sandsteinfarbenen Art-Deco-Gebäudes, in dem etwa zehn Verkaufsstände um einen plätschernden 20er-Jahre-Brunnen aufgebaut waren. Leise Musik spielte. Ein eleganter älterer Herr verkaufte Venylplatten mit Opern. Wir machten die Runde und ich kam ins Gespräch mit einer sympathischen Standbesitzerin. Nein, dies sei kein Charityflohmarkt, sondern ein jährliches Event der Hausgemeinschaft. Ob wir eine Führung durchs Gebäude wollten? Klar wollten wir. Wir hörten, dass es bis in die 60er Jahre ein Hotel für Musiker und Schauspieler aus dem nahen Theaterviertel gewesen war. Später wurden daraus Wohnungen auf 16 Etagen. Unten gab es eine stilvolle Lobby mit zwei Konzertflügeln, goldverzierten Säulen und den Orginal-Art-Deco-Lampen. Die Wohnungen seien bezahlbar, weil das Viertel etwas runtergekommen war. Wir fuhren in einem klapprigen Fahrstuhl, vor dem außen ein rostiger Metallzeiger die Etage angab, hoch auf eine Dachterrasse und waren überwältigt vom Panorama der Stadt. Allerdings blies hier oben ein unerwartet kalter Wind. Lächelnd sagte die nette Frau, dass diese Terrasse eben genau DESHALB obsolet sei.

Später schlappten wir zur Waterfront. Alles war neu renoviert und irgendwie steril. Wir wollten Fahrräder leihen und die Golden-Gate-Bridge damit überqueren. Jedenfalls wollten die anderen das. Während wir gefühlt alle Fahrradverleihbuden am Strip zu Fuß abklapperten, kam bei unserer Tochter Pubertätslaune auf. Wegen der vorgerückten Stunde waren alle Räder schon vermietet. Nach weiteren Kilometern zu Fuß wurde auch ihr Bruder grantig. Endlich wurden wir fündig.

Auf geliehenen Drahteseln gings los. Wie gesagt, am und überm Wasser herrschte eine sssteife Brise, die ich auch aus Hamburg kenne und verabscheue. Hier hatte ich damit nicht gerechnet und trug aus Unkenntnis sogar ein Kleid. Ich hatte ja auch gar nicht Fahrrad fahren wollen! Während Mann und Kinder, wieder bei Laune, losstrampelten, sank nun MEINE Stimmung unter Null. Mir blies schon vor der Brücke der Wind in Orkanstärke unter den Sattel. Ich keuchte den anderen bis zum zweiten Brückenpfeiler hinterher (eigentlich hätte ich mein Rad am liebsten schon vorher in einen Busch getreten) und fror mir – trotz all der Schönheit des Blicks, der Luft und der Architektur – grausam den Hintern ab. Innerlich kochte ich allerdings. In Sausalito auf der anderen Brückenseite, wohin wir laut Plan wollten, wäre ich ein Eiswürfel gewesen. Also kehrten wir um. Alle. Mann und Kinder hassten mich zwar für den verdorbenen Ausflug, aber es gibt eben Momente, in denen auch die Mutter mal pubertieren darf.

In unserem Familienkanon ist die Golden-Gate-Bridge seither ein Synonym für „gute Laune“.

© Beate-Luise