Im Bitch-Club von Essaouira (1)

Den kalten Wind von vorn gehen wir am Strand entlang. In einer Sandwehe stolpert Beate. Ich helfe ihr auf und lasse ihre Hand nicht los. Sie zieht sie nicht weg. Hand in Hand wandern wir weiter. Das freut mich, denn bisher zeigte sie kein Interesse an mir. Wir erreichen die Palastruinen in den Dünen von Diabat und setzen uns auf eine Mauer. Das zerfallene Gebäude ist von Tamarisken zugewachsen. Beate erzählt, dass hier in der Nähe früher irgendein amerikanischer Sänger, Jimi Hennings oder so, einen berühmten Song komponiert hat, „Castles made of sand“. Ich kenne weder diesen Hennings noch das Lied. Aber ich mag, dass sie es für mich singt.

*

Den Nachmittag verbringen wir in einem Beach-Club. Amir sagt „Bitch-Club“. Lachend erzähle ich ihm von einem etwas peinlichen Missverständnis, verursacht nur durch eine falsche Vokallänge. Ein Student von mir, ein schüchterner junger Pole, den ich zufällig auf einem Flohmarkt traf, sagte mir, er wolle „Nutten kaufen“, meinte aber Noten. Amir kichert übertrieben. Bei einem Bier bittet er mich um ein paar deutsche Redewendungen für seinen Hoteljob, die er auf ein Stück Papier kritzelt. Übergangslos fragt er dann nach Begriffen unter der Gürtellinie. Befremdet übersetze ich ihm einige, die er nun sorgfältig, fast streberhaft notiert.

Später spricht er über seine kranke Mutter, die sechs Busstunden entfernt lebt. Er schicke ihr regelmäßig Geld. Sein Vater sei schon lange tot. Ich weiß, dass Marokko von einem Sozialversicherungssystem noch Lichtjahre entfernt ist. Insofern rührt es mich, dass Amir sich kümmert. Gleichzeitig denke ich an meine Kinder und frage mich, ob sie mich im Alter unterstützen würden, sollte meine kleine Rente als Freiberuflerin nicht reichen. Er hat mein Mutterherz voll erwischt. Ich lobe ihn dafür, dass er sein karges Gehalt teilt.

Nach dem zweiten Bier in der Sonne werde ich müde. Ich würde mich jetzt gern schweigend im Bikini auf eine Liege fläzen, wie die Touristinnen um uns herum. Doch Amir trägt trotz der Hitze im windgeschützten Beach-Club nach wie vor sein Jackett über dem weißen Hemd von gestern und drückt sich in den spärlichen Schatten einer Palme. In der Sonne neben ihm schwitze ich in meinem Pullover. Ich möchte allein sein. Aber ich sage es nicht und weiß nicht, warum. Nun legt er auch noch den Arm um mich und versucht, mich zu küssen. Ich drücke ihn weg und sehe mich unbehaglich um. „Lass das, ich will es nicht! Ich könnte doch locker deine Mutter sein,“ weise ich ihn zurecht und falle in den Lehrerton. Wieder das Thema von vorhin, aber in anderem Gewand. Fast drohend entgegnet er: „Warum sagst du das? Nicht nochmal, ja?“

Habe ich mit dem Altersvergleich nun die Mutter beleidigt? Die Mütter kommen bei den Muslimen, wie ich las, direkt nach Allah. Oder habe ich gleich die Ehre der ganzen Familie angekratzt? Ehre und Würde sind, auch das ist bekannt, männliche Reizthemen. Meine Fragen bleiben – wie viele andere – unbeantwortet, während wir zurück in die Medina gehen.

© Beate-Luise