Kif und König (2)

In der violetten Abenddämmerung hocken wir an der Straße auf einem Stein und warten auf den Bus zurück in die Stadt. Einen Fahrplan gibt es nicht. „Irgendwann kommt ein Bus, in zwei Minuten oder in zwei Stunden,“ sagt Amir zuversichtlich lächelnd und zieht etwas Schwarzes aus seiner Jacke, das er mir feierlich überreicht: „Das hat meine Mutter aus Ziegenfell genäht. Darin sind Ohrringe. Für dich. Passend zu der Farbe deiner Augen.“ Zwei Paar schnörkelige Silberhänger mit je grünen und blauen Einlagen. Überrascht bedanke ich mich, frage mich aber: Woher hatte er auf die Schnelle diese Ohrringe, wenn er sie nicht schon auf Lager hielt? Ist das sein Programm? Obwohl mich die Geste freut, kann ich sie nicht deuten. Dann kommt der Bus. Fast leer um diese Zeit. Wir sitzen dicht nebeneinander und schweigen.

Als wir in Essaouria aussteigen, sage ich, dass mir nach Rotwein wäre. Alkohol wird nur in Touristenlokalen ausgeschenkt und ist meines Wissens ansonsten verboten. Amir nickt und wir gehen durch die dunklen Altstadtgassen zu einer Bar. Sie wirkt nicht touristisch. Es ist eine düster gekachelte, verrauchte Spelunke, in der alte und mittelalte Männer sitzen, alles Einheimische, die meisten allein. Der Boden ist sehr schmutzig. Ich bin die einzige Frau und Fremde. Über der Theke läuft im Fernsehen ein Fußballspiel, laute Musik bildet den akustischen Hintergrund. Wir bestellen eine kleine Flasche marokkanischen Rotwein und setzen uns in eine Ecke. Amir prostet mir zu: „Bssaha!“ Wir reden über Politik und er äußert sich abfällig über den König und die schlechten Arbeitsbedingungen in Marokko. Amir arbeitet sechs Tage die Woche in einem Hotel, manchmal bis zu vierzehn Stunden am Stück, für umgerechnet vierhundert Euro monatlich, erfahre ich. Die hässliche Seite des Tourismus in einem boomenden Reiseland.

Dann geht er kurz raus und kauft sich bei einem der Zigarettenverkäufer in der Gasse, die auch einzelne Kippen verticken, ein wenig Haschisch, Kif. Haben die alle unter ihrem Pappkarton, der als Verkaufsstand dient. Er raucht den Joint am Tisch. Ich habe das Gefühl, als müssten wir leiser sprechen, als hätten die Wände Ohren und wir würden belauscht, wenn wir uns kritisch über die Verhältnisse äußern. Ich habe mal gelesen, dass trotz des vermeintlich liberalen und beliebten gegenwärtigen Königs Mohammed VI vorlaute Kritiker leicht in Schwierigkeiten geraten.

Bei der zweiten Flasche erzählt Amir weiter, dass er weder eine Krankenversicherung noch einen Pass hat. Wer ins Ausland reisen will, muss bei den Behörden ein Bankguthaben, eine offizielle Einladung oder einen geschäftlichen Reisegrund nachweisen, sagt er. Seine schwarzen Augen funkeln wütend, als er hinzufügt: „Je suis comme un prisonnier – Ich lebe wie ein Gefangener.“

Als er mich gegen Mitternacht zum Taxistand bringt, bin ich etwas betrunken und meine Klamotten stinken nach Rauch. Au revoir und Wangenküsse.

© Beate-Luise