Mein Leben als Italienerin

In meinem frühen Leben wollte ich Italienerin werden. Von Reisen hatte ich den Eindruck mitgebracht, dass in dem Land, wo die Zitronen blühen, alles lebensfroher, heller und ästhetischer ist. Schon vor dem Abitur belegte ich Sprachkurse an der Volkshochschule, die ich an der Uni fortsetzte. Bis heute kenne ich keine schönere Sprache als die italienische. Fieberhaft überlegte ich, wie ich eine Weile in Italien leben könnte. Auf die Idee, ein Gastsemester an einer italienischen Uni zu absolvieren, kam ich gar nicht. Ich rief Federico an, den ich mal beim Trampen in der Nähe von Varese kennengelernt hatte. Er war Anfang 30, stand also schon mitten im Leben und versprach, sich für mich umzuhören. Bald erzählte er mir von einer Familie am Comer See, die ein Aupair-Mädchen suchte. Erwartungsvoll setzte ich mich in den Zug.

Die Fahrt von Hamburg nach Como – solche Strecken wurden tatsächlich in den 80er Jahren noch per Bahn zurückgelegt – war kurzweilig. Ich saß in einem Sechserabteil und war schon in interessante Gespräche vertieft, als der Zug in Hannover hielt.

In Como wurde ich am Bahnhof abgeholt und fuhr mit dem Signore zu einer beeindruckenden Villa am See. Dort begrüßte mich seine sympathische Frau Francesca mit dem Baby im Arm. Ich war sofort begeistert. Wir gingen auf der Uferpromenade spazieren und ich war damit beschäftigt, gutes Italienisch zu sprechen und auf meine Manieren zu achten. Francesca wollte sechs Monate nach der Geburt der ersten Tochter, die wir im Kinderwagen vor uns her schoben und an deren Namen ich mich nicht erinnere, wieder arbeiten, deshalb sollte ich das Baby tagsüber betreuen. Offen gestanden hatte ich bisher noch nie etwas mit Kleinkindern zu tun gehabt. Ich wollte den Job aus keinem anderen Grund, als in meinem Sehnsuchtsland zu leben. Doch das behielt ich für mich.

Ich übernachtete bei Federico in Varese und fuhr am nächsten Tag zurück nach Hamburg, weil ich zur Uni musste. Die Fahrkarte hatten meine künftigen Gasteltern bezahlt. Gespannt erwartete ich deren Antwort. Beim Abschied hatten sie angedeutet, dass sie noch ein anderes Mädchen kennenlernen wollten. Weil ich tagelang nichts hörte, rief ich Federico an und fragte nach. Erst druckste er rum, aber sagte dann: „Francesca war enttäuscht – naja eher sauer, weil du dich so wenig für die Kleine interessiert hast.“ Mich durchfuhr blitzartig der Schreck der Erkenntnis, denn er hatte recht. Eigentlich war dem nichts hinzuzufügen und ich schämte mich für mein selbstsüchtiges Verhalten. Trotzdem schrieb ich Francesca einen Brief, in dem ich um Entschuldigung bat und eine Erklärung versuchte. Die selbstredend für sie als Mutter obsolet war und nie beantwortet wurde.

Erst später verstand ich, dass mir diese Haltung wohl entsprach, weil ich damals tatsächlich kein Interesse an Kindern hatte. Das hat sich mittlerweile geändert. Geblieben ist indessen meine tiefe Liebe zu Italien, obwohl ich bis heute nie länger als drei Wochen am Stück dort war.

© Beate-Luise