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Prager Frühling

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Prager Frühling | story.one

Im Mai 1995 verbringe ich mit dem, den ich liebe, einige Tage in Prag. Seit einem Jahr lebt und arbeitet S. in Asien, während ich in Deutschland noch mein Studium beende. Wir haben uns in dieser Zeit verloren und wollen sehen, ob ein Neubeginn möglich ist.

Melancholisch liegt noch ein Hauch der Schwere des zerschlagenen Eisernen Vorhangs über der Stadt an der Moldau. Die prächtigen Gebäude verströmen maroden Charme, aber die Tentakeln der Immobilienkraken sind noch unsichtbar. Am Bahnhof finden wir jemanden, der uns zu der Altbauwohnung einer alten Dame führt, die ein Zimmer an Touristen vermietet. Die Wohnung erscheint riesig, darin Stuck, Holzböden und überdimensionale Flügelfenster, die das Panorama über die Altstadt freigeben. Die geschminkte Vermieterin raucht aus einer Zigarettenspitze, trägt Lockenwickler zum Hausmantel und die Aura einer stolz gealterten Diva. Zur Begrüßung reicht sie mir lächelnd ihre kühle Hand, an deren Nägeln der Lack abblättert. Bei S. tut sie dies in Erwartung eines Handkusses.

Auf den Straßen drücken uns Studenten etliche Flyer mit Einladungen zu ihren Konzerten in die Hand. Die Cafés und Terrassen sind voll und es herrscht eine entspannte Leichtigkeit, aber noch kein Rummel, obwohl bereits viele Touristen hier sind.

Am Abend hören wir in einer kleinen Kirche Bach. Die Orgel klingt überwältigend und trägt mich fort, während ich S´. Hand festhalte. Ich bin so ergriffen, dass ich weine. Über die Vollkommenheit dieser Musik und über das Glück, all dies mit S. zu teilen. Er drückt mich etwas hilflos an sich, weil er nicht weiß, was gerade mit mir geschieht. Nie hatte ich ein so erhabenes und tiefes Musikerlebnis wie beim Hören und Spüren der Bach-Fugen an diesem Abend.

Schweigend verlassen wir nach dem Konzert die kleine Kirche und gehen durch die Gassen, die jetzt geheimnisvoll in warmes Laternenlicht getaucht sind. In einem einfachen Restaurant essen wir köstlichen Schweinebraten mit Knödeln und Soße. Wir sind verliebt und fühlen uns unsterblich.

Im Kinderzimmer der Diva teilen wir ein schmales, hartes Bett, was uns nicht stört. S. schläft schon, ich hänge noch wohlig meinen Gedanken nach, zwischen Tag und Traum. Doch irgendetwas schreckt mich wieder auf. Ein strenger Geruch. Brandgeruch. Ich versuche, ihn zu ignorieren, aber dann wird er so stark, dass ich S. wecke. Als ehemaliger Feuerwehrhelfer ist er sofort hellwach und betritt, ohne zu zögern und fast nackt, die Räume der Lady, woher der Brandgeruch kommt. Als er zurückkehrt, sagt er, diese habe sich ein Ei kochen wollen, sei im Salon aber auf ihrem Diwan eingeschlafen, wie er durch einen Türspalt sah. Das Wasser im Topf war längst verdampft, während das Ei stinkend vor sich hinkohlte, als er den Gasherd ausschaltete. Gerettet!

An einem der folgenden Tage in der Stadt Kafkas fragt S. mich, ob ich mir vorstellen könne, für einige Zeit mit ihm in Asien zu leben. Über die Antwort muss ich keine Sekunde nachdenken.

© Beate-Luise 22.04.2019

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