Verfall

  • 211
Verfall | story.one

Eine seit Langem verlassene Mühle in der Nähe meines Heimatortes. Ich liebe dieses verfallende Gebäude, an dem der Zahn der Zeit stetig und ausgiebig nagt. Immer, wenn ich um den Mühlenteich spaziere, denke ich an Otfried Preußlers Roman, in dem der junge Krabat in einer Mühle in die Lehre geht, die ein dunkles Geheimnis birgt.

Heute bin ich nach langer Zeit wieder mit meiner Mutter hier. Vor Kurzem ist sie achtzig geworden und seit einigen Monaten löst sie sich auf. Stück für Stück bröckelt sie auseinander wie diese von Moos und Bäumen überwachsene alte Wassermühle.

Ich kann nicht umhin hineinzuspähen in die zerbrochenen, teils mit Holz vernagelten Fenster, will die verstaubten Räder, Mahlwerke und Mehlgänge sehen. Etwas Mysteriöses liegt für mich über diesem Ort, sicher mit ausgelöst durch die Geschichte von Krabat. Mir ist allerdings unverständlich, warum die Gebäude seit Jahren verfallen, während sonst alle historischen Bauwerke der Umgebung sorgfältig saniert und genutzt werden. Doch hier - nichts als Vergängnis.

Unausgesprochene Geheimnisse trägt auch meine Mutter mit sich, die ich nicht mehr erfahren werde. Schon früher sprach sie nur wenig mit mir und über sich. Stellte ich ihr Fragen, behauptete sie immer, sich nicht zu erinnern. An die Flucht aus Pommern, die sie, getrennt von ihren Eltern und Geschwistern, mit ihren Großeltern erlebte. Ihr Großvater starb. Die Sechsjährige musste den Toten stundenlang bewachen, während die Großmutter sich um Sarg und Begräbnis kümmerte. Da drangen russische Soldaten in den Raum ein und schlugen vor ihren Augen ihrer Puppe lachend den Kopf ab. Vielleicht geschah auch Schlimmeres. Als ich noch zu Hause lebte, hörte ich meine Mutter manchmal im Schlaf schreien. Es war schrecklich.

Nun lässt die Demenz sie verfallen. Es kommt in Schüben, immer schneller. Wir gehen um den Mühlenteich und sie erkennt diesen Ort erfreulicherweise wieder. Früher ist sie im Sommer hier geschwommen, im Winter Schlittschuh gelaufen. Als wir den Teich umrundet haben, möchte ich die Mühle von hinten sehen und hoffe, dass es mir heute gelingt hineinzugelangen. Ich bitte meine Mutter zu warten, bevor ich mich durch hohes Gras winde und schließlich, auf einer Tonne stehend, durch ein Hinterfenster auch in die Wohnräume der Mühle blicken kann. Die alten Möbel und flatternden Gardinen hinter scheibenlosen Fenstern stimmen mich traurig und ich frage mich, woher diese Faszination kommt, die leerstehende Gebäude schon immer auf mich ausübten.

Als ich zurückgehe, ist meine Mutter verschwunden und ich gerate in Panik, weil ich sie zu lange warten ließ. Was, wenn sie nun allein durch die verschlungenen Waldwege irrt? Bald wird es dunkel. Ich beginne zu laufen, zu rufen und fieberhaft zu überlegen, was ich tun soll - ihr Handy vergisst sie immer zu Hause. Ich bin wütend auf mich.

Endlich entdecke ich sie unter einer Trauerweide. Sie schaut versonnen über den Mühlenteich und lächelt mir entgegen.

© Beate-Luise 23.06.2019